Annemone, meine Frau, pflegte Angriffe auf ihre Argumente mit einem „Na und?“ zu erwürgen, oder erdolchte sie einfach mit einem langgezogenem „Pffff“.
Ansonsten interessierte sie weniger die Inhalt der Aussagen, ihr gefestigter Charakter überging sie sowieso, sie labte sich an den köstlichen Verstrickungen, in die sich die erhitzten Gemüter begaben und erfreute sich an der Komik, die entsteht, wenn man in den eigenen Argumenten zappelt, wie eine Fliege im Netz.
Über meine Eigenarten mag der Leser sich ein Bild an Hand der Feder machen, doch zurück zu dem Streitpunk, es ging also um nichts geringeres als die Kunst schlechthin.
Tilli hatte sich auf einen Standpunkt eingeschossen, dass der Kunstwert von der Begeisterung der Betrachter abhängig sei, und man unzweifelhaft ein Kunstwerk daran messen könne, wie die Betrachter darauf reagieren.
„Heiko, du hast doch selber gesehen, wie viel Leute zu deiner Vernissage gekommen sind. Die Zeitungen waren da und alle waren begeistert.“ Tilli lehnte sich gönnerhaft zurück.
Die zwei Frauen bekräftigten Tillis Aussage mit Überzeugung, dass es allen gefallen hätte.
„Aber es hat doch keiner was gekauft!“ ich schrie fast.
„Geht es dir bei der Kunst nur ums Geld?“ Gundel stieß mit ihr Gesicht entgegen, dass sich meine rotgeränderten Augen in ihrer Brille spiegelten. „Wenn es dir nur ums Geld geht, darfst du eben keinen künstlerischen Beruf ergreifen, dann musst du Maurer oder Bäcker werden.“
„Genau das finde ich eben auch“, brummte Tilli.
„Es geht mir nicht um das Geld, es geht mir um das Opfer!“
„Was denn für ein Opfer? Ich will das Geld, du kannst dich ja von mir aus opfern.“ Annemone feigste.
„Ach erzähl doch keinen Stuss!“ Tilli drehte sich herum und ließ seine Beine auf eine Kiste krachen, wodurch er seinen Körper in eine Liegestuhlhaltung warf.
„Meinst du denn die lügen alle, wenn sie sagen, dass ihnen deine Sachen toll gefallen?“ Gundel war sehr erregt. „Wenn einer sagt, das er das toll findet, das muss dir doch reichen. Es haben einfach nicht alle soviel Geld um sich Kunst zu kaufen.“
„No, so isses!“ Tilli hielt die Hände über seinen Bauch verschränkt und gab sich den Anschein völliger Zufriedenheit.
„Wann hat man denn schon Geld für Kunst? Wenn etwas wichtig ist, hat man auch Geld dafür, das ist es ja, worum es geht, der Kauf stellt eben ein Opfer, einen Verzicht dar. Man muss auf  den Mixer verzichten und kann sich dafür ein Bild an die Wand hängen. Für mich ist Kunst ein Gebrauchsgegenstand wie alle anderen Dinge auch.
„Dann rühr doch deinen Kuchen mit deinen blöden Bildern zusammen“, Tilli hielt die Augen geschlossen. „Ich finde am Geld kann man wirklich nicht den Wert eines Kunstwerkes messen.“

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