Über die Kunst!

 

Eine Anekdote von Heiko Halfpaap

 

Wir waren nach Weimar gereist, es war der Vorabend zu Tillis großer Geburtstagsfete.
Man hatte das Zimmer schon für das Fest vorbereitet. Aus alten Bananenkisten war eine zierliche Bar gezimmert und der Esstisch war durch das geschickte Anbringen von Krepppapier zur Tafel drapiert.
Wir gaben uns dem Genuss geistiger Getränke hin, und schon bald war das Zimmer in den blauen Dunst zweitklassiger Tabakwaren gehüllt.
Das Gespräch plätscherte dahin, wie es wohl häufig ist, wenn man nach anstrengender Reise endlich sein Ziel erreicht hat und die Gedanken in froher Erwartung des kommenden Tages harren.
Leider verfing sich das Gespräch schon bald in einem Thema, dass jeder wahre Künstler zu meiden sucht, dem Sinn der Kunst und der daran anschließenden Frage: Was ist Kunst?
Sicher, der aufmerksame Leser wird mit Recht einwenden, dass es ja keine Veranlassung gibt, sich an derlei Ausführungen zu beteiligen und wenn alle Anwesenden ähnlich viel Vernunft aufbringen, würde ein solcher Disput alsbald von selbst einschlafen, aber dem war leider nicht so. Wir verstrickten uns immer mehr in die bei dieser Thematik stets gegenteiligen Meinungen und zu meiner Entlastung kann ich nur hervorbringen, dass ich durch meine kurz davor zur größten Unzufriedenheit verlaufenen Ausstellung noch emotional sehr anfällig war und mich so nicht zurückhalten konnte.
Jedoch zurück an die wacklige Bar und den Akteuren des Zwistes. Da war zunächst Tilli, mein Großneffe. Mit seiner korpulenten Gestalt pflegte er ihm unpassende Einwende zu seinen Ausführungen durch ein ergrimmtes Knurren und die abwehrende Bewegung seiner schweren Arme von sich zu schleudern. Wie ein Fels in der Brandung ragte er über die Kisten und sein gestreckter Oberköper wirkte noch länger, versuchte man mit komplizierter Rhetorik auf ihn einzudringen. War es doch einmal so weit, dass sich ein Argument nicht so einfach abschütteln ließ, versuchte er seinen Widersacher durch plötzliches Aufspringen und das verlassen des Raumes aus dem Konzept zu bringen.
Kehrte er dann nach kurzer Abwesenheit wieder zurück, so war der tiefe Ton, den er seiner Stimme zu geben pflegte, schon zu hören, bevor er die Tür öffnete und eintrat.
Seine Freundin Gundel war da anders geartet. Fand sie keine Möglichkeit mehr ihre Überzeugung zu verdeutlichen, schlug sie mit bissigen Spitzen um sich, wie eine Katze, die in die Enge gedrängt krallenbesetzte Hiebe verteilt.

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