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Heiko Halfpaap

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© 1993

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Das Geheimnis von meinem Onkel Tilli!

 

 

 

 

1. Kapitel

Felix saß im Zug. Ihm war ein bisschen bang ums Herz, schließlich war es das erste Mal, dass er allein von zu Hause wegfuhr. Das erste Mal und dann auch noch zu seinem Onkel Tilli.
Tilli war ein Freund von Felix Vater. Eigentlich mochte Felix ihn sehr gern, aber manchmal war er ihm auch ein bisschen unheimlich. Felix wusste selbst nicht, woran es lag.
Tilli war groß und dick und hatte sehr kurze Beine. Er hatte einen Bart und eine ganz tiefe brummige Stim­me, aber das war es alles nicht, wovor sich Felix fürchtete. Onkel Tilli ist mir unheimlich, weil ich ihn so selten sehe, beschloss Felix. Es wird sicher ein schöner Urlaub.
Vati hatte Felix viel über Onkel Tilli erzählt. So zum Beispiel wie gut er sich im Wald auskannte und dass er ein sehr guter Angler ist.
Der Zug hielt. Felix war sehr aufgeregt, dass er den richtigen Bahnhof zum Aussteigen nicht verpasste.
"Ottersbach, Ottersbach!" rief draußen der Lautspre­cher.
Felix setzte sich wieder auf seinen Sitzplatz neben der Frau, die so schlecht roch. Ottersbach war es nicht, ich muss bis... fahren, überlegte Felix, aber der Name, bis wohin er fahren musste, fiel ihm nicht ein.
Ich hab ja zum Glück den Zettel mit, wo alles drauf­steht, dachte Felix. Als er in die Hosentasche nach dem Zettel griff, fand seine Hand nur ein nacktes Bein. Ach herrje, die Hosentasche war völlig zerris­sen. Sicher von den vielen Schrauben, die er unter­wegs aufgesammelt hatte.
Felix wurde es ganz schlecht. Wie sollte er nur wis­sen, wo er aussteigen musste. Ob er wohl die Leute im Zug fragen sollte, ob jemand weiß, wo sein Onkel Tilli wohnt, überlegte er. Nein, so ein Quatsch. Aber irgendwas musste er doch tun.
Onkel Tilli wird mich doch abholen, fiel ihm ein. Ich sehe einfach bei jeder Station aus dem Fenster und wenn ich ihn sehe, steige ich schnell aus.
Die dicke Frau neben Felix schwitzte sehr. Die Sonne schien direkt durch das Fenster auf ihren roten Kopf. Sie aß ein Käsebrot und hatte ihre Schuhe ausgezogen. Es roch beides gleich.
Der Schaffner kam und kontrollierte die Fahrkarten. Als er bei Felix angekommen war, sagte er: "Na  Kleiner, du willst also nach Wieshügel."
"Ja!" rief Felix. Wieshügel, so hieß der Ort, in dem Onkel Tilli wohnt. "Woher wissen sie das? Kennen sie vielleicht auch zufällig meinen Onkel Tilli?"
Der Schaffner lachte. "Nein, deinen Onkel Tilli kenne ich nicht. Wo du hin willst, steht doch auf deiner Fahr­karte.
Felix bekam einen ganz roten Kopf. Natürlich stand es auf der Fahrkarte, wo man hinfahren wollte, wie hatte er das nur vergessen können?
"Es sind noch drei Stationen bis Wieshügel",  sagte der Schaffner und ging weiter. Felix zählte eifrig die Stationen. Nach der zweiten nahm er seine Reiseta­sche und stellte sich an den Ausgang. Der Zug wurde langsamer. Wieshügel war auf einem Schild zu lesen, und Felix stieg aus.

2. Kapitel

Der Bahnsteig war leer.
"Wieshügel", las Felix noch einmal ganz groß über dem Bahnsteig, aber von Onkel Tilli keine Spur.
Ob es doch ein anderer Name war? überlegte Felix. Ratlos stand er da. Außer ihm war niemand aus dem Zug gestiegen. Gerade als Felix wieder einsteigen wollte, pfiff der Schaffner und der Zug fuhr ab.
Felix setzte sich erst einmal auf eine Wartebank, was sollte er jetzt nur tun?
Nach einer Weile fand er, dass er ja nicht ewig so sit­zen bleiben konnte, nahm seine Tasche und lief durch den Bahnhof.
Vor dem Bahnhof war von Onkel Tilli auch nichts zu se­hen. Ob Onkel Tilli dachte, dass er den Weg zu ihm schon allein finden würde? Sicher, das musste es sein. Seine Eltern holten ihn immer ab, aber bei Onkel Tilli war das vielleicht nicht üblich. Aber wie soll ich zu ihm finden, wenn ich doch den Zettel verloren habe, auf dem steht, wo er wohnt, fiel Felix ein.
Er ließ seine Tasche fallen, stand ganz allein vor dem Bahnhof und weinte leise.
Vor ihm hielt eine lange schwarze Limousine. Die hinteren Scheiben waren nicht durchsichtig, so dass man nicht sehen konnte, wer drin sitzt. Vorne stieg ein Mann in einem schwarzen Anzug aus.
"Na mein Kleiner, was haste denn für Kummer? Dich haben sie wohl hier vergessen, was?" fragte der Mann in dem schwarzen Anzug freundlich."
"Nee, der Zettel ist weg", schluchzte Felix.
"Was denn für ein Zettel?" fragte der Mann weiter.
"Der Zettel, wo draufsteht, wie ich zu meinem Onkel Tilli komme." Felix hatte sich schnell die Tränen weggewischt, er wollte ja keine Heulsuse sein.
"Onkel Tilli?" überlegte der Mann und griff sich an sein glattrasiertes Kinn. "Heißt dein Onkel vielleicht Tilman Schöller und wohnt auf dem Hügel hinter dem Friedhof?" wollte der Mann wissen.
"Ja", rief Felix, "genauso heißt er. Können sie mir sagen, wie ich zu ihm komme?"
"Du kannst mit mir mitfahren. Ich fahre sowieso den selben Weg." Der Mann machte Felix die Wagentür auf. Felix freute sich, dass er vorn sitzen durfte und ab ging es.
Sie fuhren durch Wieshügel. Wieshügel ist eine hüb­sche kleine Stadt mit zwei Eisdielen und drei Bäcke­reien, Felix hatte genau gezählt.
Am Ende der Stadt liegt der Friedhof. Der Mann ne­ben Felix pfiff vergnügt ein Lied und bog in den Friedhof ein. Er fuhr geradewegs die Friedhofsallee hoch.
"Was machen sie?" entfuhr es Felix entsetzt. "Durch den Friedhof darf man doch nicht mit einem Auto fah­ren."
"Ich schon", sagte der Mann und lachte Felix vergnügt an.
Felix war verzweifelt. Er war mit einem fremden Mann mitgefahren, der ihn jetzt auf einen Friedhof verschleppte, um ihn hier heimlich aufzufressen. Die abgenagten Knochen warf er dann in eines der Gräber.
"Und, und warum dürfen sie hier langfahren?" fragte Felix mit zitternder Stimme.
"Weiiiiil ich der Tooootengräber binnnn", sagte der Mann und zwinkerte Felix vergnügt zu.
Das beruhigte Felix gar nicht. Wie hatte er nur in die­ses schreckliche schwarze Auto einsteigen können? In dieses schwarze Auto? Sicher, es war ja der Leichen­wagen und bestimmt bis zum Rand gefüllt mit.... Fe­lix drehte sich ängstlich um. Hinter ihm war nur ei­ne Wand. Der Fahrer sah Felix an und lachte. "Keine Angst, die Oma beißt keinen mehr."
Am liebsten wäre Felix schreiend davongerannt. Aber er war ganz ruhig und blieb sitzen.
Der Wagen hielt vor einem Haus an. "Dort hinten ist das Friedhofstor", sagte der Totengräber. "Wenn du durch das Tor gegangen bist, brauchst du nur noch den Weg hoch laufen. Oben in dem Haus wohnt dein Onkel."
"Vielen Dank", flüsterte Felix, nahm seine Tasche und rannte wie der Blitz aus dem Friedhof.
Bevor er den Hügel hoch lief, verschnaufte er unter dem großen Kastanienbaum. Eigentlich hatte der To­tengräber ihm ja gar nichts getan, dachte Felix. Es war sogar sehr nett, dass er ihn mitgenommen hatte. Warum habe ich nur so eine Angst bekommen, Tote beißen ja nicht, und wie er das dachte, lief ihm erneut ein Schauer über den Rücken.

3. Kapitel

Das Haus von Onkel Tilli stand in einem großen Gar­ten. Es war ein wunderschöner, verwilderter Garten. Es war ein schönes altes Haus, das ein bisschen wie eine Burg aussah, fand Felix. Es gab eine Treppe, wenn man die hochging, stand man vor der Haustür. Es waren zwei Klingeln da. Zwei Klingeln, aber keine Namensschilder. Felix klingelte mit der Oberen.
Oben aus einem Fenster erschien ein Frauenkopf mit einem riesigen Dutt. "Jaaa?" sagte die Frau.
Wie eine Hexe, dachte Felix. "Ich möchte zu Onkel Tilli", rief er hinauf.
"Herr Schöller wohnt unten"; knurrte die Frau und schlug das Fenster zu.
Kaum hatte Felix unten geklingelt, flog die Tür auf. "Hallo Felix", rief Onkel Tilli, hob ihn in die Luft und drückte ihn an sich. "Wie schön, dass ihr mich mal be­suchen kommt." Mit Felix auf dem Arm rannte Onkel Tilli die Treppe hinunter. Unten angekommen sah er sich verwundert um. "Wo sind deine Eltern?"
"Ich bin doch allein da, Vati hat dir doch geschrieben, dass ich komme", sagte Felix erstaunt.
"Ich habe keinen Brief bekommen", wunderte sich Onkel Tilli. "Wie hast du denn überhaupt zu mir ge­funden?"
"Der Totengräber hat mich gefahren, nein stimmt nicht, erst die Eisenbahn und dann der Totengräber."
"Na, das kannst du mir noch ausführlich erzählen", sagte Onkel Tilli. "Schön, dass du mich besuchen kommst. Bleibst du die ganzen Ferien bei mir?"
"Ja, bis mich Vati abholen kommt."
"Prima...ach herrje", rief dann Onkel Tilli und rannte so schnell er konnte die Treppe wieder hinauf. "Ach herrje", rief er wieder und stürmte durch den Flur in die Küche. Mit einer Hand riss er die Pfanne von der Herdplatte und stocherte in ihr herum.
"Sie sind hin", wimmerte er weinerlich. "Meine schö­nen Steaks völlig verbrannt."
Felix wurde langsam die Luft knapp, es war ziemlich eng zwischen Onkel Tillis Arm und Onkel Tillis Bauch.
"Na dann gibt es eben Pfannkuchen", brummte Onkel Tilli.
"Au fein, Pfannkuchen!" freute sich Felix. Pfannku­chen, die aß er für sein Leben gern.
"Ach so, sagte Onkel Tilli und setzte Felix wieder auf die Erde. "Willst du mir helfen?"
"Ich hab noch nie Pfannkuchen gemacht", erklärte Fe­lix, "aber ich helfe gern."
"Dann gehe rüber in das Wohnzimmer und lese ein bisschen. Ich rufe dich dann, wenn ich fertig bin. Beim Kochen und beim Essen werde ich nicht gern gestört." Onkel Tilli machte ein ernstes Gesicht.
Beleidigt ging Felix in das Wohnzimmer. Das konnte ja heiter werden. Wo ich doch nur helfen wollte, dachte Felix. Und dann auch noch lesen, was Onkel Tilli las, war bestimmt langweilig.
Im Wohnzimmer staunte Felix. Es gab zwei Sofas und ein Regal. Das Regal war voller Comics. Es waren Fe­lix Lieblingscomics, "Die wilden Abenteuer von Brumm Brumm, dem Bären"
Felix machte es sich auf einem der Sofas bequem und vertiefte sich in die Abenteuer, die Brumm Brumm wieder zu bestehen hatte.
Onkel Tilli kam mit den Pfannkuchen zur Tür herein. "Komm essen", rief er, "aber Vorsicht, sie sind noch heiß."
Die Pfannkuchen schmeckten herrlich. Beim Essen war Onkel Tilli sehr ernst. Immer, wenn sich Felix einen neuen Pfannkuchen nahm, schien Onkel Tilli zu zählen, wie viele noch in der Schüssel lagen.
Wenn sich Onkel Tilli einen Pfannkuchen nahm, dann roch er zuerst daran, dann machte er so etwas, wie: "hmrumrumrum" und verschlang ihn gierig.
Nach dem Essen ging Onkel Tilli mit Felix in ein an­deres Zimmer. "Hier kannst du schlafen, solange du hier bist", sagte er und knipste das Licht an.
Felix wunderte sich, einen solchen Raum hatte er noch nie gesehen. Es gab keine Fenster. Der Raum war vollgestopft mit den verschiedensten Dingen. Es roch herrlich. Onkel Tilli baute eine Klappliege auf und Fe­lix sah sich um. Von der Decke hingen getrocknete Pilze herab. Aus Pappkisten quollen getrocknete Bee­ren. Überall lagen große Stücke Baumrinde und Äste herum. In einer Ecke war ein Haufen Moos auf Zwei­gen geschichtet.
"Was machst du mit all den Sachen", wollte Felix wissen und bewunderte einen besonders großen ge­trockneten Steinpilz.
"Das Zimmer ist für meinen Wintersch...ich meine, ich gehe im Winter hier in das Zimmer, wenn der Wald  verschneit ist. Du weißt ja, getrocknete Pilze sind sehr lecker für Soßen und so..." brummte Onkel Tilli. "So fertig, hier wirst du sicher gut schlafen. Komm, ich zeig dir noch, wo das Badezimmer ist."
Felix wurde durch die ganze Wohnung geführt.
"Was meinst du, Felix, wollen wir morgen Angeln ge­hen?"
"Au ja, Onkel Tilli", rief Felix. "Aber eine Angel ha­be ich nicht mit."
"Kein Problem", sagte Onkel Tilli, "ich borge dir meine. Morgen mache ich aus dir einen großen Fi­scher ", er lachte und klopfte Felix sanft auf den Kopf. Felix nahm sich ein Heft von Brumm Brumms Abenteuer mit ins Bett, las noch  etwas und schlief ein.

4. Kapitel

Felix erwachte von einem ganz tief gebrummten: "Dumm didumm, dumm dumm!" und sprang aus dem Bett. Onkel Tilli klapperte schon in der Küche ."Guten Morgen Felix!" rief er ihm entgegen. "Wasch dich schnell, dann kannst du für uns Brötchen holen gehen. Es ist prima Angelwetter."
Felix beeilte sich. Onkel Tilli erklärte ihm den Weg zum Bäcker und dann rannte er los. Er war sehr froh, dass er nicht durch den Friedhof gehen brauchte, es gab noch einen Bäcker hinter dem Wäldchen, auf der anderen Seite des Hügels.
Vier Bäckereien, dachte Felix, das ist ein feiner Ort. Felix liebte Bäckereien über alles und Eisdielen natür­lich.
Als er den Berg hinunter gerannt war, begann das Wäldchen, Es waren große alte Bäume mit dicken Ästen, die tief über den Weg hingen. In der Mitte des Wäldchens ging ein kleiner Pfad zur Seite ab.
Der Pfad führte auf einen kleinen Hügel, und dort stand die dickste, riesigste, größte Eiche, die Felix je gese­hen hatte.
Natürlich musste sich Felix die von Nahem ansehen, so viel Zeit musste sein.
Als er näher kam, hörte er Stimmen. Dann sah er sie, unter der Eiche stehen, vier Frauen. Eine junge, eine ältere, eine ganz alte und die Frau mit dem Dutt, die gestern aus dem Fenster gesehen hatte. Die Frau mit dem Dutt war so unfreundlich gewesen, dass Felix keine Lust hatte, ihr zu begegnen, er machte lieber ei­nen Schritt hinter den dicken Eichenstamm.
..."ja, und jetzt ist er nicht mehr allein", sagte gerade die mit dem Dutt.
"Das mit dem Brief hat nichts genutzt", sagte die Junge, dann rauschte der Wind in den Blättern und man konnte nichts mehr hören.
"Das Fell von einem Bäron hat die größte Zauber­kraft..." krächzte die Alte, "wir müssen ihn dazu bringen, dass er sich ganz verwandelt!"
"Ja!" rief die Frau mit dem Dutt, "und dann ziehen wir ihm den Pelzmantel aus!" die Frauen kreischten vor Lachen. Felix wurde es ganz unheimlich. Was er da gehört hatte mit Zauberkräften und so...
Vorsichtig sah er um den Baumstamm, aber die vier Frauen waren nicht mehr da. Wo sie nur so schnell hin sind? dachte Felix und rannte selber so schnell er konnte auf den Hauptweg zurück.
Als er aus dem Wald herauskam, musste er über sich selber lachen. Er war doch wirklich ein Angsthase. Es war doch nichts dabei, durch den Wald zu gehen. Nur, weil ein paar Frauen sich Märchen erzählen, braucht man sich doch nicht zu fürchten, Felix nahm sich fest vor, nicht mehr so ängstlich zu sein. Das nächste Mal würde er einfach hingehen und der Frau mit dem Dutt ein freundliches "Guten Tag" entgegenrufen.
Der Bäcker lag zwischen alten Fachwerkhäusern, und er duftete schon lange bevor man ihn sehen konnte. Es war ein ausgesprochen schöner Bäcker mit einer jung­en, netten Bäckerin. Felix mochte auch Bäckerinnen.
Auf dem Heimweg kam er wieder an der Abzweigung zu der großen Eiche vorbei. Die konnte er sich auch noch ein andermal genauer ansehen, beschloss Felix. Außerdem konnte er ja Onkel Tilli nicht so lange auf seine Brötchen warten lassen.

5. Kapitel

Onkel Tilli hatte schon einen große Kanne Kakao ge­kocht und den Tisch gedeckt. Auf dem Tisch stand ein großer Topf Honig und eine kleine Schüssel mit Mar­melade.
Beim Frühstück zog Onkel Tilli den Topf mit dem Honig ganz dicht an seinen Platz und konnte gar nicht genug davon auf sein Brötchen türmen. Felix wollte sich auch ein Honigbrötchen machen. "Du hast doch Marmelade", zischte Onkel Tilli. Als er Felix` er­schrockenes Gesicht sah, brummte er: "Na gut, hier hast du deinen Honig", und schob den Topf zu Felix rüber.
Manchmal war Onkel Tilli wirklich komisch, dachte sich Felix.
Nach dem Frühstück zogen sie los. Felix trug Onkel Tillis Angel und Onkel Tilli hatte den Korb für die Fi­sche. Der Korb roch sehr nach Fisch, und es klebten noch überall alte Schuppen an ihm.
Sie liefen den Berg hinunter, schlugen dann aber einen anderen Weg ein, so dass sie nicht durch das kleine Wäldchen kamen. Onkel Tilli brummte, dass es recht weit sei und eigentlich Felix den Korb tragen könne. Er wollte ihn dann nehmen, wenn Fische drin sind. Felix hatte nichts dagegen.
Hinter zwei weiteren Hügeln kamen sie an einen klei­nen Fluss.
"Hier gibt es schöne Forellen", Onkel Tillis Augen leuchteten. "Komm, gib mir die Angel, ich mach dir einen Köder dran." Er nahm Felix die Angel ab und spießte geschickt einen fetten Wurm auf den Haken. "So, siehst du, so muss man das machen", Onkel Tillis dicken Hände wanden den Wurm immer wieder um den Haken und dann spießte er durch ihn hin­durch. Felix sah nicht, wie man das machen musste, ihm wurde ganz schlecht, und der Wurm tat ihm leid.
"Den nächsten darfst du aufspießen", erklärte Onkel Tilli fröhlich und reichte Felix die Angel.
"Und jetzt?" wollte Felix wissen.
"Ach ja, du hast ja noch nie geangelt", fiel es Onkel Tilli ein. "Pass auf", sagte er und erklärte, wie alles funktioniert mit der Kurbel und so.
Felix stellte sich an den Flussrand und warf aus. Es war gar nicht so einfach.
Zuerst angelte er Gras von der anderen Uferseite und dann wollte sich der Haken immer zwischen den Stei­nen im Fluss verfangen. Einmal hätte sich Felix sogar beinahe selber geangelt.
Onkel Tilli hatte sich inzwischen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und war mit hochgekrempelten Hosenbei­nen ins Wasser gewatet. Jetzt lief er ganz langsam durch den Fluss. Sein Oberkörper war vorgebeugt, und er bewegte die Hände knapp über der Wasseroberflä­che hin und her. Gerade wollte Felix fragen, ob ihm etwas ins Wasser gefallen sei, als er mit einem lauten "Platsch!" ins Wasser fuhr. Kurz planschte er im Was­ser herum, dann riss er die Arme wieder hoch, mach­te: " Mmmmmm", und hielt eine zappelnde Fo­relle in seinen dicken Händen. In dem Moment zog etwas an Felix` Angel. Es ruckte und zuckte, und bei­nahe hätte Felix vor Schreck die Angel ins Wasser geworfen. "Ich hab eine, ich hab eine!" schrie er au­ßer sich. "Hilfe, ich hab eine dran!"
"Zieh ihn raus, ich komme dir gleich helfen", rief Onkel Tilli zurück und biss seiner Forelle blitzschnell den Kopf ab. Den Kopf ab? Das konnte doch nicht sein. Sicher hatte Felix sich getäuscht, aber es hatte wirklich so ausgesehen.
Felix zog langsam die Schnur ein. Schneller ging es nicht, es musste ein riesiger Fisch sein.
Onkel Tilli kam den Fluss hochgewatet. In der einen Hand hielt er die tote Forelle, mit der anderen fuch­telte er wild durch die Luft, um auf den glitschigen Steinen das Gleichgewicht zu halten. Er warf die Fo­relle ans Ufer, griff ins Wasser und hielt schwupp diwupp die Forelle in die Luft, die an Felix' Angel hing. Mit einer geschickten Bewegung drehte er den Haken aus ihrem Maul. Felix sah schnell weg, das mochte er nicht mit ansehen. Als er wieder hinsah, hatte auch seine Forelle keinen Kopf mehr und wurde zu der er­sten ans Ufer geworfen.
"Magst du noch weiter angeln?" fragte Onkel Tilli.
"Nein, für heute reicht es mir", antwortete Felix, der von seinem ersten Fang ganz zitterige Beine hatte. Außerdem tat ihm die Forelle leid, die er gefangen hatte. Aber so war das eben, wer Forellen essen wollte, der musste sie auch fangen.
"Du kannst ja schon trockenes Holz sammeln", meinte Onkel Tilli. "Ich kümmere mich noch ein bisschen um unsere Freunde hier", und er stapfte wieder in den Fluss.
Trockenes Holz? wunderte sich Felix. Vielleicht wollte es Onkel Tilli wieder in sein Zimmer schlep­pen, und das fand er so eigenartig, dass er lieber erst gar nicht danach fragte.
Unter den Bäumen am Ufer gab es jede Menge trockene Äste und Felix zerrte sie eifrig auf einen Haufen. Vom Fluss her hörte man es ab und zu platschen und brummen.
"Das reicht!" rief Onkel Tilli schließlich. Er stand vor dem Holzhaufen und hielt stolz eine besonders große Forelle hoch, mit Kopf wäre sie natürlich noch größer gewesen. "Hier sieh mal hmmmm", sagte er. "Ich nehme sie gleich aus, da kannst du so lange das Feuer anzünden. "und Onkel Tilli stapfte mit dem Korb vol­ler Fischen zum Flussufer.
Feuermachen? wunderte sich Felix. Er rannte zum Fluss hinunter. "Wie soll ich denn Feuer machen?" fragte er.
"Ach ja, hier sind Streichhölzer", Onkel Tilli gab ihm eine Packung .
"Ja und Kohlenanzünder?" fragte Felix.
"Kohlenanzünder?" Onkel Tilli sah ihn erstaunt an. "Hast du noch nie in der Natur ein Feuer angezündet? Also du nimmst trockenes Gras und trockenes Laub", erklärte Onkel Tilli, während er mir den Händen ei­nem Fisch den Bauch aufriss. "Es muss aber ganz trocken sein", erklärte er weiter. "Auf das Gras legst du ganz dünne Zweige, trockene. Dann zündest du das Gras an und legst nach und nach dickere Zweige da­r­auf."
"Gut !" sagte Felix und lief schnell wieder zu seinem Holzstapel, er wollte nicht weiter zusehen, wie Onkel Tilli die Fische ausnahm.
Felix machte alles so, wie Onkel Tilli gesagt hatte, aber das Feuer wollte und wollte nicht brennen. Schließlich hatte er nur noch ein Streichholz und wollte es gerade anzünden, als Onkel Tilli mit den ausgenommenen Fischen zu ihm kam. "Es brennt nicht", rief Felix ihm kleinlaut entgegen.
"Ja zum Glück", brummte Onkel Tilli. "Du hättest ja alles in Brand gesteckt, man kann doch nicht unter den Ästen von einem Baum Feuer machen. Außerdem liegt der Holzhaufen viel zu nahe daneben. Na warte, ich mach das mal, ja?" Onkel Tilli legte Steine in ei­nem Kreis an einer freien Stelle und riss das trockene Gras weg, das in der Nähe wuchs. "Damit nichts an­brennt", erklärte er. Dann machte er Feuer, und es brannte gleich mit dem letzten Streichholz.
So ein Feuer ist eine feine Sache. Felix freute sich und durfte auch Holz nachlegen.
Nach einer Weile zog Onkel Tilli mit einem Stock ei­nen Stein aus der Glut. Er holte aus seiner Hosenta­sche einen Salzstreuer und salzte die Forellen. Dann legte er sie auf den Stein, dass es zischte. Es roch herr­lich nach gebratenem Fisch.
"Wir brauchen große Blätter", erklärte Onkel Tilli.
Felix rannte los und holte welche vom Flussufer. On­kel Tilli legte die gebratenen Fische auf die Blätter, und die beiden ließen es sich schmecken.
Felix aß eine halbe Forelle, natürlich die, die er selber gefangen hatte und war sehr stolz.
Onkel Tilli aß den Rest, es waren 7  1/2.
Danach legten sich beide ins Gras und sahen den Wol­ken zu, wie sie langsam über den blauen Himmel zo­gen.

6. Kapitel

Auf dem Heimweg trug Felix die Angel und den Korb. Onkel Tilli wollte ja den vollen Korb tragen, da aber kein Fisch mehr übrig war, war Felix wieder an der Reihe.
Onkel Tilli zog das T- Shirt von seinem dicken Bauch an die Nase und sagte: "Hmm, jetzt riechen wir wie alte würzige Seeräubertrapper", und lachte.
Felix roch an seinem Ärmel und fand, dass Onkel Tilli recht hatte.
Zuhause legten sich beide auf die Sofas und lasen ein Abenteuer von Brumm Brumm, dem Bären.
Es klingelte und Onkel Tilli ging Aufmachen. Als er wieder in das Zimmer kam, war es sehr aufgeregt.
"Ein Telegramm von meinem alten Freund Fricke", erklärte er. "Er ist mit ein paar Freunden hier in der Nähe und will mich heute Abend besuchen kommen."
"Au fein!" rief Felix.
"Nein, nein", brummelte Onkel Tilli. "Mein Freund Fricke ist sehr gebildet. Das ist nichts für Kinder. Du gehst dann schlafen und bist bitte schön artig. Ach, ich muss noch die Wohnung aufräumen und einkaufen, damit ich etwas besonderes kochen kann, wenn der Besuch kommt. Ich kann ja Fricke schlecht ein Wurst­brot anbieten.
Der Besuch muss wirklich etwas besonders sein, über­legte  Felix.
Onkel Tilli sauste mit einem Staubwedel durch die Wohnung. "Soll ich solange einkaufen gehen?" fragte Felix.
"Ja, ja, das wäre gut, warte ich schreibe dir alles auf." Onkel Tilli hatte sich mit einem Bein im Staubsauger­kabel verheddert und hüpfte zum Tisch. "Du gehst am besten durch den Friedhof. Der Supermarkt in der Stadt hat alles."
Schöner Dreck, dachte Felix, na egal, er würde tapfer durch den Friedhof marschieren.
Er bekam einen Einkaufskorb. Felix überprüfte ihn, aber es klebten nirgends Fischschuppen. Dann zog er los.
Am Gartentor sah er sich noch einmal um. An dem oberen Fenster huschte ein Dutt hinter die Gardine. Felix winkte und ging kichernd den Berg hinunter.
Im Friedhof war heller Sonnenschein, und es gab kei­nen Grund, sich zu ängstigen.
Felix war schon fast durch den Friedhof hindurch ge­gangen, als er an einem frisch gegrabenen Loch vor­beikam.
"Na, hast du deinen Onkel gefunden?" rief eine Stim­me aus dem Loch.
Felix sprang entsetzt zur Seite. Aus dem Loch er­schien der Kopf des Totengräbers.
"Keine Angst, ich bin kein Gespenst", sagte er und lachte.
"Ja, ich hab ihn gefunden", sagte Felix schnell, "und nochmals vielen Dank für ihre Hilfe."
"Ich heiße Georg", sagte der Totengräber.
"Ich heiße Felix", sagte Felix und ging weiter. Ir­gendwie tat es Felix leid, dass er gleich weitergegangen war. Georg hatte so einen einsamen Eindruck auf ihn gemacht.
Felix kaufte im Supermarkt alles ein, was auf seiner Liste stand. Schwerbepackt machte er sich auf den Heimweg, als ihm Georg entgegen kam.
"Ist das Loch fertig?" fragte Felix.
"Ja, fertig, Feierabend für heute. Herr Schlotterbein wird sich sicher darin wohlfühlen."
Felix lief ein kalter Schauer den Rücken herunter. Natürlich, Georg war ja Totengräber und das Loch war ein frisches Grab. "Tote beißen nicht, was?" sagte Fe­lix, um etwas nettes zu sagen. "Wollen wir nicht zusammen ein Eis essen?" sagte er weiter. "Ich habe noch Taschengeld und würde sie gerne einla­den, Georg, weil sie mir so nett geholfen haben."
Georg freute sich sehr, und so zogen die beiden in die nächste Eisdiele.
Jeder bekam einen großen Eisbecher und Felix' Ta­schengeld reichte gerade so.
"Weißt du Felix, mit mir wollen die meisten Leute nichts zu tun haben, weil ich ein Totengräber bin", er­klärte Georg.
"Ich habe mich auch zuerst ein bisschen gefürchtet", gestand Felix. "Ich fürchte mich leider viel zu oft. Heute Morgen dort im Wald", Felix zeigte mit dem Finger in die Richtung indem das Wäldchen lag, "war es mir auch unheimlich. Dabei steht dort nur eine schöne alte Eiche."
"Du meinst die Galgeneiche?" überlegte Georg. "Da bei der Galgeneiche da läuft sogar mir manchmal ein Schauer über den Rücken. Das liegt sicher an den Ge­schichten, die sich die Leute über die Galgeneiche er­zählen."
"Was für Geschichten?" wollte Felix wissen.
"Ach unsinnige Geschichten. Sie sagen, dort würden sich die Hexen der Gegend treffen und ihr Unwesen treiben.
Felix dachte natürlich gleich an die Frauen, die er dort gesehen hatte. Sagte aber nichts davon, denn Hexen gibt es ja nicht und von Frauen zu behaupten, sie seien Hexen, das wäre sehr ungezogen.
Sie aßen ihr Eis auf.
"Komm mich mal wieder auf dem Friedhof besu­chen", sagte Georg zum Abschied, "und das nächste Mal lade ich dich ein."
Felix rief noch einmal: "Tote beißen nicht !" was er sehr mutig fand.
Auf dem Heimweg beeilte sich Felix. Sicher wartete Onkel Tilli schon, dachte er. An die Geschichte über die Hexen und die Galgeneiche musste er auch denken. Dann war er da. Die Tür stand offen, und er ging in die Küche. Es war so ruhig in der Wohnung.
Felix lief ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa lag Onkel Tilli. Das erste, was man sah, war der dicke Bauch, der in die Luft ragte. Oben auf dem Bauch lag eine leere Tüte Honigbonbons. Das Gesicht war unter einem Comicheft versteckt, und unter dem Comicheft hörte man es schnarchen.
Felix kicherte. Dann überlegte er, dass es vielleicht besser war, Onkel Tilli zu wecken. Er wollte ja noch soviel vorbereiten für den Besuch, der kommen sollte. Felix stieß ihn vorsichtig in seinen weichen Bauch.
"Ähhhm!" machte Onkel Tilli verärgert und fuhr mit der Hand durch die Luft. Endlich setzte er sich brummend hin.
"Alles eingekauft !"erklärte Felix.
"Fein", sagte Onkel Tilli, "dann wollen wir mal in die Küche gehen und das Abendessen für die Gäste vorbe­reiten."

7. Kapitel

Diesmal durfte Felix helfen. Es gab Fleischklößchen zu rollen, Eier zu zerschneiden, Gurken zu schälen, kurz, er hatte alle Hände voll zu tun.
Onkel Tilli war sehr gewissenhaft, er kostete von al­lem so lange, bis nur noch die Hälfte davon da war. "Es soll ja auch schmecken", erklärte er ernst und leckte sich die dicken Finger.
Alles wurde im Wohnzimmer in hübschen Mustern auf den Tisch getürmt. Felix durfte die Kerzen anzün­den. Gerade war alles fertig, als es klingelte.
"Wenn wir gegessen haben, bist du schön brav und gehst in dein Zimmer", rief Onkel Tilli Felix zu, als er zur Haustür lief.
"Ahhh, hallo Fricke, schön, dass du vorbeikommst !" rief Onkel Tilli.
Fricke kam ins Zimmer. Felix begrüßte ihn. Er sah gar nicht so aus, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Er hatte eine blaue Arbeitslatzhose an, ein paar Gummi­stiefel und einen Strohhut auf dem Kopf. Der sieht nicht gebildet, sondern ziemlich blöd aus, dachte Fe­lix.
Fricke stellte seine Freunde vor, die er mitgebracht hatte: "Das ist der Elch, der Abenteurer und 8x4", sagte er und führte die Herren in die Wohnung. Elch und 8x4 trugen zwei Kästen Bier, die sie mitten ins Wohnzimmer stellten. Vom Abenteurer bekam jeder eine Flasche gereicht, die er netter Weise zuvor mit den Zähnen geöffnet hatte.
"Mensch Tilli, alter Bär !"rief Fricke. "Hast ja ordent­lich was zu Fressen abjekippt", dabei fuhr er mit der Hand in den Nudelsalat.
"Jetzt Dogo dodal !" rief der Elch, der es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte.

(das Kartenspiel "Doppelkopf" spielen ohne Unterbrechung)

8x4 sah sich die Wohnung an. Er hatte damit in den Schränken begonnen und war jetzt dabei, die Schubla­den auf den Teppich zu kippen.
Onkel Tilli war ganz still. Er saß auf seinem Stuhl am Tisch und knabberte gedankenverloren an einem Gürkchen.
Felix hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn er jetzt in sein Zimmer ging. Er packte sich ein paar be­legte Brote auf seinen Teller, nahm ein paar Hefte von Brumm Brumms Abenteuer mit und ging mit einem: "Gute Nacht !"in sein Zimmer.
Felix lag im Bett und las noch ein bisschen. Im Wohn­zimmer wurde es immer lauter. Lachen, Schlürfen, Geplapper, doch schließlich schlief Felix ein.
Mit einem lauten Krachen war Felix wieder wach. In der Zimmertür stand der Elch.
"Ich bin der Elch", rief der Elch lallend, dann lachte er wie verrückt. Plötzlich bekam er ganz große Au­gen, sagte: "Üüüübmmmpf !"  hielt sich die Hände vor den Mund und rannte davon.
Felix war ganz verdreht, für einen Moment wusste er nicht, ob das ein Alptraum war oder nicht. Im Wohn­zimmer war ein mörderischer Lärm.
"Sina, Sina, las dein goldenes Haar herab, ich wihihil mit dir tanzen", schrie der Abenteurer.
"Nicht so laut, die anderen Leute wollen doch schla­fen", versuchte Onkel Tilli seine Gäste zu beruhigen.
Sina, so hieß eine der drei Frauen, die die Wohnung  über der von Onkel Tilli hatten, wusste Felix. Und wirklich, es schien zu klappen, denn es klingelte.
Felix war sowieso wach, da konnte er auch nachsehen gehen, wem Onkel Tilli die Tür aufmachte.
"Wenn der Lärm nicht sofort aufhört, holen wir die Po­lizei !" schrieen die drei Frauen von oben. Sie stan­den in einer Reihe in hellgrünen Morgenmänteln vor der Tür.
Onkel Tilli hatte feuerrote Ohren und stotterte eine Entschuldigung.
"Siiiiiinaaaah mein Turteltäubchen !" schrie der Abenteurer, der auf allen Vieren aus dem Wohnzim­mer gekrochen kam.
"Ich verhexe.. ich verklage Euch alle", schrie Sina und schüttelte sich vor Wut, dass ihre rosa Locken­wickler klapperten. Sina trug eine dicke Hornbrille, hinter der kleine böse Augen funkelten.
"Mit drei alleinstehenden, hilflosen Frauen so herum­zuspringen !" schrie jetzt die Frau mit dem Dutt. "wenn nicht augenblicklich... .ach kommt, mit solchen Leuten reden wir doch gar nicht." Dann drehten sich alle drei wie auf ein Kommando um und marschierten ab.
Onkel Tilli war jetzt noch eifriger bemüht, seine Gäste zu beruhigen.
Felix ging wieder in sein Bett, aber es war einfach zu laut, um schlafen zu können, und außerdem hatte er Durst von den vielen Wurstbroten.
Felix ging in die Küche, sich etwas zu trinken holen. Als er wiederkam, stand die Haustür offen. 8x4 stand vor der offenen Kellertür. Es sah aus, als ob er in den Keller gehen wollte. Felix wollte ihm gerade zeigen, wo das Kellerlicht angeht, als es so komisch plät­scherte. In dem Moment kam Onkel Tilli mit zerzau­sten Haaren aus dem Wohnzimmer gesaust. "Du bist nicht im Garten, 8x4", rief er. "Du bist schon wieder dabei, die Kellertreppe hinunter zu pinkeln !"
8x4 gab keine Antwort, er stand nur schwankend in der offenen Kellertür.
Felix sah zu, dass er wieder in sein Bett kam. Kaum lag er in seinem Bett, konnte er sich einreden, dass das alles doch nur ein Traum war.

8. Kapitel

Als Felix am nächsten Morgen aufwachte, war es ganz still.
Felix ging durch die Wohnung. Sie sah furchtbar aus, aber von dem Besuch war niemand zu sehen. Onkel Tilli war nirgends zu finden.
Felix ging ins Badezimmer, um sich zu waschen. Un­ter der Dusche stand Onkel Tilli. Felix konnte nur sei­nen Rücken sehen, aber da, wo der Po war...
Felix sprang schnell wieder aus der Tür, so etwas hatte er noch nie gesehen. Da wo Onkel Tillis Po war, da war etwas Felliges. Es sah aus wie der Schwanz von einem Hasen. Nein, Hasen haben ja einen weißen Klecks am Schwanz. Es war eher wie der Schwanz von einem ...Bären, dachte Felix. Er hatte das Gefühl, als ob er etwas ganz Schlimmes getan hätte.
Ach was, sagte sich Felix, ich wollte ja nicht spionie­ren. Wenn Onkel Tilli einen Bärenschwanz hat, dann ist das seine Sache. Aber ganz wohl war ihm bei der Sache nicht. Ob Onkel Tilli wohl gemerkt hatte, dass Felix von seinem Geheimnis wusste? Felix legte sich noch eine Runde ins Bett und las noch ein Comic.
Als er sich dann gewaschen und angezogen hatte, lief er in die Küche. Die Haustür ging auf und Onkel Tillis verärgertes Gesicht erschien. "So eine Sauerei", schimpfte er. Er hatte einen Eimer und einen Lappen in der Hand. Felix wusste, was er da gerade wegge­wischt hatte und sagte lieber gar nichts.
Felix aß schnell in der Küche ein Marmeladenbrot und half Onkel Tilli, wieder Ordnung zu schaffen. Es ging schneller, als sie geglaubt hatten und je aufgeräumter es wurde, desto besser wurde auch Onkel Tillis Laune.
"Bloß gut, dass die Mieterinnen über uns nicht noch die Polizei geholt haben", sagte Onkel Tilli. "Aber die werden sicher noch ganz schön lange böse auf mich sein."
"Vielleicht schenkst du ihnen ein paar Blumen?" über­legte Felix. "Frauen mögen doch so etwas."
"Hm", sagte Onkel Tilli, "schaden kann es nichts."
Als sie aufgeräumt hatten, gingen die zwei in die Stadt  Blumen kaufen. Auf dem Friedhof sah sich Felix nach Georg um, aber diesmal traf er ihn nicht. Sie kauften einen großen Blumenstrauß, und dann gab Onkel Tilli eine Runde Eis aus.
Als sie nach Hause kamen, klingelte Onkel Tilli gleich oben. Der Dutt erschien am Fenster.
"Ach sie sind es Herr Schöller", kam eine freundliche Stimme von oben. "Warten sie, ich komme gleich herunter." Das Fenster wurde wieder zugemacht.
Felix und Onkel Tilli sahen einander verwundert an. "Die sind ja ganz freundlich", sagte Onkel Tilli, " da hätten wir uns hierfür", er sah auf die Blumen. "auch eine schöne Torte kaufen können."
Die Tür ging auf, und die drei Frauen kamen lächelnd heraus. "Ach Herr Schöller, wir müssen uns ja noch bei ihnen entschuldigen. Wir haben uns ja gestern Nacht so schlecht benommen. So ein kleines Fest be­geht doch jeder einmal."
"Ich muss mich entschuldigen, soll nicht wieder vor­kommen", sagte Onkel Tilli und überreichte die Blu­men.
"Ach, ist das reizend", flötete Sina. Sie hatte immer noch ihre Lockenwickler in den Haaren. Sina nahm die Blumen mit zwei Fingern und streckte sie von sich weg, als ob sie etwas ekliges wären.
"Und das ist für die reizenden Mieter unter uns", er­klärte die Älteste und streckte einen Salatkopf vor.
"Und hier die Kräuter, die sind doch das Beste am Sa­lat", erklärte die Frau mit dem Dutt.
"Oh, danke", sagte Onkel Tilli.
"Und nicht die Kräuter vergessen, ist alles aus unse­rem Garten, " wiederholte die  Frau mit dem Dutt. Die drei Frauen kicherten und stiegen die Treppe hoch.
Felix und Onkel Tilli gingen in die Küche.
"So nett waren die noch nie", sagte Onkel Tilli. "Vielleicht sollte ich öfter Fricke einladen."
"Wo ist der Besuch überhaupt?" fragte Felix.
"Ach, die wollten heute morgen ganz schnell weiter," Tilli briet ein paar Steaks, und zum Nachtisch gab es Salat mit den Kräutern. Felix mochte den Salat nicht, er musste ihn aber trotzdem essen, weil das gesund ist erklärte Onkel Tilli.
Nach dem Essen musste Onkel Tilli sich ein bisschen ausruhen. Felix sagte, er wolle ein bisschen raus spie­len gehen. Onkel Tilli brummte: "Ja, ja, !"und holte aus einem Schrank eine Tüte Honigbonbons, die er unter seinem T-Shirt versteckte. Felix hatte sie natür­lich trotzdem gesehen und lief kichernd raus.

9. Kapitel

Es war herrliches Wetter, und er ging ein Stück hinters Haus. Dort war der Garten zu Ende, und verwilderte Haselnusssträucher wucherten wie ein kleiner Wald bis zum Feldrand. Felix kletterte hinein, es war prima, wie ein kleiner Dschungel.
Als er durch die Sträucher hindurch geklettert war, be­gann dort nicht das Feld. Ein kleiner  Garten tauchte auf.
Felix wollte gerade zwischen den Ästen hervorspring­en und ein paar Erdbeeren stibitzen, die er dort ent­deckt hatte, als er Stimmen hörte.
Er sah genauer hin, und richtig, da tauchte der Dutt hinter den Rhabarberblättern auf. Ja und da drüben lief Sina mit einer Gießkanne, und die Oma saß zwischen den Kräutern. Das war knapp, dachte Felix.
"Jetzt müssen wir nur noch die kleine Kröte ver­schwinden lassen", sagte die Frau mit dem Dutt gera­de. Kröten gibt es hier auch, wunderte sich Felix.
"Ja, in ein paar Tagen wird das Fellchen fertig sein", freute sich die alte Frau.
"Hauptsache, er frisst auch immer unser Futter !" rief Sina und strich dabei über die Kräuter.
Was reden die denn da für einen Quatsch zusammen, dachte sich Felix. Vorsichtig kletterte er zurück. Die Frauen hatten ihn nicht bemerkt. Felix überlegte, was er jetzt noch anstellen könnte. Ach, ich gehe einmal sehen, was Georg gerade macht.
Im Friedhof traf er ihn, wie er gerade Blumen pflanz­te. Felix half ihm ein bisschen, und Georg erzählte ihm dafür alte Geschichten. Georg wusste wirklich viele Geschichten.
Die Geschichte von dem dreibeinigen Fuchs zum Bei­spiel, den nie ein Jäger zu Gesicht bekam. Trotzdem hatte der dreibeinige Fuchs Hühner der ganzen Ge­gend geholt. Ein Bein hatte der dreibeinige Fuchs sich selber abgebissen, als es in einer Schlinge hing, die ein Bauer ausgelegt hatte, um ihn zu fangen. Natürlich hatte Georg dieses Bein, sagte er zumindest.
Und dann erzählte Georg Felix die Geschichte von dem Bäron. "Früher gab es viele Bärons in den Wäl­dern", erklärte er. Sie sehen aus wie Menschen, aber  wenn sie Bärentreu essen, werden sie zu richtigen Bä­ren. Na ja, nicht zu ganz richtigen, sie sehen dann je­denfalls so aus wie Bären, aber innen drinnen bleiben sie Menschen."
"Sind sie so etwas wie Werwölfe?" wollte Felix wis­sen.
Das wusste Georg auch nicht so genau. "In dem alten Buch, was ich zu Hause habe, steht nichts davon, dass sie Menschen fressen", überlegte er. "Keiner weiß so richtig, wo ein Bäron herkommt, aber sie können viele hundert Jahre alt werden und das Fell eines Bärons hat Zauberkräfte", wusste er weiter zu berichten.
Felix fand, dass das eine feine Geschichte war. Die Blumen waren fertig gepflanzt und inzwischen hatte Onkel Tilli sicher ausgeschlafen. Er verabschiedete sich von Georg und lief nach Hause.

10. Kapitel

Onkel Tilli machte ihm die Tür auf. Felix musste la­chen. Onkel Tilli hatte eine Pudelmütze auf und sah noch verdrießlicher aus als sonst.
"Was gibt es denn da zu lachen?" fuhr ihn Onkel Tilli an. "Mir ist halt kalt an den Kopf."
Felix sah schnell weg. Mitten im Sommer war ihm kalt an den Kopf, dabei liefen ihm die Schweißperlen über die Stirn.
Onkel Tilli hatte schon Kakao gemacht. Dazu gab es Schokolade. Die Schokoladentafel war schon halb alle, und auf Onkel Tillis T-Shirt war ein großer Schoko­ladenfleck. Onkel Tilli saß mürrisch am Tisch, die Bommelmütze auf dem Kopf und aß mit einem Haps seinen Teil der Schokolade auf. Dann ging er an den Schrank und holte ein Großes Glas Honig heraus. Er setzte es an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck. Der Honig rann ihm über den Bart und kleckste neben den Fleck Schokolade auf Onkel Tillis Bauch.
Felix konnte gar nicht mehr lachen. Irgendwas war los mit Onkel Tilli. Er wirkte so traurig.
"Wir gehen jetzt in den Wald", sagte Onkel Tilli.
"Gut", fand Felix und sie gingen los. Sie liefen in den Wald neben dem Friedhof. Es war ein schöner Bu­chenwald.
Je länger sie durch den Wald gingen, desto besser wurde Onkel Tillis Laune. Nach einem Stück begann er, Felix die Bäume zu erklären, wie sie heißen, wie alt sie waren und ob sie Früchte hatten, die man essen konnte.
Die Bucheckern waren noch nicht reif, aber Onkel Tilli fand viele Pilze. Es gab so viele verschiedene Sorten, dass sich Felix nicht merken konnte, welcher Pilz nun gut war und welcher giftig. Immer, wenn Fe­lix einen gefunden hatte, rief er Onkel Tilli.
Sie sammelten alle Pilze in Onkel Tillis T-Shirt, das er ausgezogen hatte.
Onkel Tilli stapfte wichtig hierhin und dorthin, sein haariger, nackter Bauch glänzte in der Sonne, und seine Bommelmütze wackelte fröhlich hin und her.
Sie hatten schon einen richtigen Haufen Pilze in das T-Shirt gesammelt, auch wenn Onkel Tilli ein paar gleich beim Pflücken aß. Da sah ihn Felix. Er war rie­sengroß und halb unter dem Laub verborgen.
"Schnell, hier, ich hab einen riesigen. Ich glaube es ist ein Steinpilz !" rief Felix.
Onkel Tilli kam mit seinen kurzen Beinen den Hang herunter galoppiert. "Ja, das ist einer! Du hast einen riesigen Steinpilz gefunden", rief er schon von wei­tem. "Warte, ganz vorsichtig abmachen, damit er nicht zerbricht." Onkel Tilli war schon ganz nah, da zog ihm im Vorbeirennen ein herunterhängender Ast die Bommelmütze vom Kopf,
Felix war ganz starr vor Schreck. Auf Onkel Tillis Kopf saßen zwei fellige....ja, es sah aus wie Ohren.
Onkel Tilli sah Felix erschrocken an, griff sich auf den Kopf und fuhr herum, um seine Bommelmütze aus den Zweigen zu ziehen.
"Das ist nur, das kommt nur...eine Art Erkältung", stammelte Onkel Tilli. "Wenn es morgen noch nicht gut ist, gehe ich zum Arzt."
"Tut es weh?" wollte Felix besorgt wissen.
"Nein, man muss es nur warm halten", sagte Onkel Tilli und setzte wieder die Bommelmütze auf.
Der Heimweg war sehr schweigsam. Felix trug das T-Shirt mit den Pilzen. Du bist diesmal an der Reihe, das volle zu tragen, hatte Onkel Tilli erklärt. Irgend­wie trage ich immer gerade das falsche, überlegte Fe­lix.
Zu Hause legten sich die beiden auf die Sofas und la­sen ihre Lieblingscomics.
Felix konnte sich gar nicht richtig an den Geschichten über Brumm Brumm, dem Bären freuen. Er machte sich große Sorgen über Onkel Tilli. Was das wohl für eine eigenartige Krankheit sein mochte? Felix musste auch an seine Entdeckung im Badezimmer denken. Onkel Tilli hatte einen Fellschwanz und nun bekam er auch noch Fellohren. Vielleicht wuchs ihm über Nacht noch ein Entenschnabel. Es war wirklich schrecklich, bei­nahe hätte Felix geweint.
Es klingelte an der Tür. Onkel Tilli ging aufmachen.
"Guten Abend Herr Schöller. Wir haben so viel Kräutercremsuppe übrig, und sie haben doch Besuch.." hörte Felix die Stimme von der Frau mit dem Dutt.
"Mmmm, das ist aber nett!" war Onkel Tilli zu hören. Wie mit einem großen Schatz, kam er mit der Suppenterrine ins Zimmer. "Hol schnell Teller". rief er. "Die Frankes über uns das sind wirklich nette Frauen."
Felix lief in die Küche Teller holen. Äks, Suppe, dachte er . Felix liebte Steaks und Pfannkuchen, aber Suppe konnte er nicht ausstehen. Warum die wohl auf einmal so nett waren? Sie wollten jemanden füttern, hatten sie im Garten gesagt, ob das etwa Onkel Tilli war? Nein, so ein Quatsch. Das waren einfach drei nette Frauen, beschloss Felix, aber er glaubte selber nicht so richtig daran.
"Felix, wo bleibst du denn, die Suppe wird doch kalt!" rief Onkel Tilli aus dem Wohnzimmer.
Felix kam mit den Tellern und den Löffeln.
"Ahhh!" machte Onkel Tilli als er den Deckel abhob und beiden auftat.
"Mir bitte nicht so viel", rief Felix.
Die Suppe schmeckte ein bisschen wie der Salat, den sie zum Mittag gegessen hatten. Wahrscheinlich waren die selben Kräuter daran.
Die selben Kräuter?
"Nicht, iss die Suppe nicht!" rief Felix und wollte On­kel Tilli schnell den Teller wegziehen.
Onkel Tilli brummte ein tiefes und gefährliches: "Heyyy!" und hielt seinen Teller mit seinen dicken Händen ganz dicht an sich gedrückt.
"Da sind doch giftige Kräuter drin, davon kommt das doch mit deinen Ohren", jammerte Felix.
"So ein Unsinn", brummte Onkel Tilli. "Die netten Frankes von oben hatten noch Suppe übrig, das ist al­les. Warum sollten sie mir denn giftige Sachen geben? Und außerdem meine Ohren tun ja auch nicht weh, das ist morgen sicher wieder weg."
"Aber ich hab doch gehört, wie sie in ihrem Garten gesagt haben, dass sie jemanden füttern wollen, das sind bestimmt wir."
"Fein!" sagte Onkel Tilli, "wenn es so lecker schmeckt, sollen sie mich mal nur weiter füttern."
"Nein, du verstehst nicht, sich haben irgendwas Schlimmes mit dir vor." Felix war außer sich.
"Jetzt ist aber gut!" schrie Onkel Tilli und hieb "Krawum!" mit seiner großen Hand auf den Tisch. "Jetzt wird Suppe gegessen! Ich mag es gar nicht, wenn man mir das Essen schlecht machen will und dazu noch, wenn es umsonst ist."
Felix liefen die Tränen über die Wangen. Er stand auf und rannte in sein dunkles Zimmer. Er legte sich auf das Moospolster und schluchzte furchtbar. Schließlich konnte er wieder aufhören. Vielleicht war ja doch nur alles eingebildet. Wenn die drei Frauen von oben nun doch nur einfach nett waren, hatte er ihnen bitter Un­recht getan. Sicher waren auch wirklich morgen Onkel Tillis Ohren wieder weg. Warum sollte auch jemand Onkel Tilli vergiften? Felix beschloss, dass alles in Ordnung war, aber so sehr er auch versuchte, es sich selbst einzureden, hatte er trotzdem ein mulmiges Ge­fühl im Magen.
Er las noch ein Abenteuer in seinem Lieblingscomic und schlief ein.

11. Kapitel

Als er am Morgen aufwachte, waren die bösen Vor­ahnungen wie weggewischt. Felix stand vergnügt auf und ging sich waschen. Es war das erste Mal, dass Onkel Tilli noch nicht vor ihm aufgestanden war. Sonst stand er immer schon in der Küche und kostete alles aus dem Eisschrank, damit das Frühstück auch recht gut schmeckt. Felix beschloss, ihn mit frischen Brötchen zu überraschen. Er nahm den Beutel und das Geld vom Regal und zog los. Den Berg hinunter und durch den Wald.
Felix hatte wirklich prima Laune. Er war ja ganz al­lein im Wald und so sang er laut und falsch Lieder, die er aus dem Radio kannte. Sie waren englisch, und es machte ihm viel Spaß, Worte zu erfinden, die eng­lisch sein sollten.
Beim Bäcker holte er die Brötchen und erzählte der Bäckerin, wie gut er ihre Brötchen fand.
Auf dem Rückweg kam er wieder an dem Wegab­zweig zu der Galgeneiche vorbei.
Jetzt gehe ich sie mir einmal richtig ansehen, beschloss Felix. Inzwischen schämte er sich, was er gestern beim Suppeessen für ein Theater gemacht hatte. Es gab kein vergiftetes Essen, und dort stand auch nur ein alter dicker Baum ohne Hexen.
Felix ging den schmalen Pfad auf die Eiche zu. Er hatte sie noch nicht ganz erreicht, als er Stimmen hörte.
Das hat gar nichts zu sagen, dachte Felix tapfer. Wer im Wald spazieren geht, kann sich ja schließlich auch unterhalten.
Der Pfad machte einen Knick, und er sah sie.
Felix traute seinen Augen kaum. Auf der Lichtung unter der Galgeneiche saßen die vier Frauen, die er hier schon einmal gesehen hatte. Sie saßen in beque­men Ohrensesseln um einen großen runden Eichen­tisch. Auf dem Eichentisch tanzte ein Ziegenbock Stepptanz auf den Hinterbeinen.
Die Frau mit dem Dutt schenkte gerade allen neuen Likör ein.
Der Ziegenbock war schon völlig erschöpft und wollte sich meckernd hinlegen. Da nahm die alte Frau Fran­ke ihren Krückstock und drosch so lange auf den ar­men Ziegenbock ein, bis er weitertanzte. "Ja, mein lieber Mann, nur nicht so müde in den Beinen", keifte sie.
"Bald lassen wir diesen verdammten Felix so auf dem Tisch tanzen", freute sich Sina.
"Der dreimal verfluchte Bengel hätte uns die Sache beinahe verdorben", schimpfte die Frau mit dem Dutt. Sie griff in ihren Dutt und zog daraus eine Kröte her­vor. "So werden wir es mit Felix machen!" keifte sie und riss der armen Kröte alle Beine aus. Die vier Frauen kreischten vor Lachen, und die Frau mit dem Dutt schluckte "Haps!" die Kröte hinunter.
Bis jetzt war Felix wie erstarrt vor Entsetzen. Endlich konnte er sich losreißen. Zitternd schlich er zurück. Jeder kleine Knackser unter seine Füßen dröhnte in seinen Ohren. Aber so sehr er sich auch bemühte, der Weg lag voller trockener Äste, und es knackste immer wieder, wenn er auf einen trat. Wenn sich mich bloß nicht erwischen. Wenn sie mich bloß nicht erwischen und zerreißen, wie die Kröte..., hämmerte es in Felix Kopf.
Endlich erreichte er den Hauptweg. Er rannte so schnell er konnte. Er war schon am Waldrand. Felix drehte sich um, nichts von den Hexen zu sehen. Keu­chend stürmte er den Berg hoch. Die Tür war nicht verschlossen. Völlig außer Atem taumelte er ins Wohnzimmer. "Die Hexen, sie wollen mich zerreißen und fressen!" rief er. "Onkel Tilli, hörst du nicht?"
"Oh, du hast Brötchen geholt", freute sich Onkel Tilli und griff nach Felix Beutel.
"Um Gottes Willen!" schrie Felix, "Wie siehst du denn aus?" schrie Felix.
"Was ist denn heute nur mit dir los?" fragte Onkel Tilli. "Wie soll ich denn aussehen? Also gut, ich habe mich noch nicht gekämmt", gab er zu und grinste.
"Nein, nein, das meine ich nicht", sagte Felix mit zit­ternder Stimme. "Es sind deine Nase, und deine Oh­ren, um Himmels Willen, was ist nur los mit dir?"
"Felix, jetzt ist es aber gleich gut. Spielst du jetzt Rot­käppchen und der Wolf mit mir? Was hast du nur für eine große Nase und so ein entseeeeetzlich großes Maul", sagte Onkel Tilli mit verstellter Stimme um Rotkäppchen zu sein.
"Aber deine Nase ist wirklich ganz groß und schwarz. Und, und deine Ohren sind auch gewachsen, sie sind noch größer als gestern. Du siehst aus wie ein Bär!" und bei diesen Worten erschauderte Felix.
"Soll meine Nase etwa grün sein?" brüllte Onkel Tilli jetzt wütend. "Sie ist schwarz und war es schon im­mer. Wenn dir meine Ohren nicht gefallen, brauchst du sie ja nicht ansehen. Überhaupt, ich will jetzt früh­stücken und mir nicht von dir am frühen Morgen Frechheiten sagen lassen."
"Aber Onkel Tilli, sieh doch nur mal in der Spiegel", jammerte Felix verzweifelt.
Onkel Tilli hörte gar nicht mehr zu. Er packte die Brötchen auf den Tisch, nahm jedes mit seinen felli­gen Händen und beschnupperte es. Dazu sagte er im­mer: "Mmm, brumm, brumm, brumm, brumm, brumm, brumm"
Das war zuviel für Felix. Weinend rannte er zur Tür hinaus.

12. Kapitel

Was sollte er nur tun? Er musste es irgend jemand er­zählen, er musste Onkel Tilli retten. Ob er in ein Kran­ken­haus gehen sollte? Die würden Onkel Tilli in einen Zoo tun. Ach es war einfach schrecklich!
Georg! Georg konnte er es erzählen, fiel Felix ein. Georg hatte ihm ja auch die Geschichten von dem Bäron erzählt. Vielleicht wusste er, was man tun konnte, wenn der eigene Onkel ein Bäron ist, der sich in einen echten Bären verwandelt.
Felix lief durch den Friedhof. Georg war nirgendwo zu finden. Felix fing noch einmal an, alle Wege abzu­suchen. Sein Magen knurrte inzwischen vor Hunger.
Georg war nicht da!
Verzweifelt setzte sich Felix auf eine Bank. Eine alte Frau kam langsam den Weg herauf gelaufen.
Die frage ich einfach, beschloss Felix. Sicher kennt sie Georg gar nicht, aber man kann ja nie wissen.
"Entschuldigung, wissen sie wohl, wo ich Georg fin­den kann?" fragte Felix.
Die alte Dame überlegte. "Georg? Wann ist er denn gestorben?"
"Nein, ich suche keines der Gräber hier", erklärte Fe­lix, "Georg ist der Totengräber, und ich muss ihn un­bedingt finden."
"Ach der Totengräber, ja den kenne ich. Der erzählt doch immer die Gruselgeschichten." Die alte Dame kicherte.
"Ja, der Georg wohnt in meiner Straße, nur drei Häu­ser weiter hinter meinem Haus."
"Wie komme ich denn dahin?" Felix fiel ein Stein vom Herzen.
"Gar nicht", sagte die Alte Frau.
"Gar nicht?" rief Felix erschrocken.
"Ja, weißt du, der Weg ist so schwer zu erklären, das findest du allein nie."
"Aber ich muss wirklich unbedingt zu Georg", jam­merte Felix.
"Höchstens, du kommst mit mir mit", bot die Dame an.
"Ja, gern", rief Felix.
"Aber ich muss mich erst um Karl-Heinz kümmern. Karl-Heinz ist mein Mann, er liegt dort hinten bei den Rhododendrenbüschen.
Felix half der Dame, das Grab von Karl-Heinz zu gie­ßen, Unkraut zu jäten und hörte zu, wie sie Karl-Heinz Neuigkeiten von ihren Nachbarinnen erzählte.
Es dauerte ewig, alte Damen sind halt kein D-Zug, hatte die alte Dame gesagt und sie hatte natürlich recht. Bloß Felix durfte gar nicht daran denken, dass sich inzwischen sein Onkel immer mehr in einen Bä­ren verwandelte, und die Hexen erst...
Endlich war die Dame fertig, und die zwei machten sich auf den Weg.
Es war furchtbar, die Dame konnte nur so langsam laufen, und Felix hatte es doch so eilig.
Sie liefen kreuz und quer durch die Stadt.
"In dieser Straße wohne ich", sagte die Dame. Nach einem kurzen Stück sah Felix Georg auch schon. Er stand im Garten und hing Wäsche auf. Seine ganze Wäsche war schwarz. Georg hatte sogar lange schwarze Unterhosen.

13. Kapitel

Felix bedankte sich bei der Dame und rannte schnell zu Georg.
"Oh, Felix, fein, dass du mich besuchen kommst. Wo­her weißt du denn, wo ich wohne?"
"Ich hab die Dame getroffen", sagte Felix kurz. "Georg ich muss unbedingt mit dir sprechen, es ist sehr wichtig."
"Als Georg das blasse Gesicht von Felix sah, ließ er gleich die Wäsche in den Korb zurückfallen. "Gut!" sagte er . "Komm, wir gehen in mein Zimmer, es scheint ja verdammt wichtig zu sein."
Georg hatte ein schwarzes Zimmer. Nur die Möbel waren weiß und Felix fand, dass es prima aussah.
An den schwarzen Wänden hingen Kalender mit ko­mischen Zeichen und Zahlen. In schwarzen Regalen standen Bücher die uralt aussahen.
"Was ist passiert?" fragte Georg.
"Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll." sagte Fe­lix. "Es ist so furchtbar und unglaublich zugleich."
"Erzähle es mit der Reihe nach , das ist das Beste", riet Georg.
Felix fing an zu erzählen, wie er das erste Mal die Hexen unter der Galgeneiche gesehen hatte, von dem Schwanz von Onkel Tilli...
"Das hab ich dir doch gar nicht gesagt, dass man einen Bäron daran erkennen kann, dass er einen Bären­schwanz hat!" rief Georg. "Dann muss dein Onkel Tilli wirklich ein richtiger Bäron sein. Georg war sehr auf­geregt und riss ein altes Buch aus dem Regal. Er blät­terte eine Weile und zeigte dann Felix ein Bild mit ge­nauso einem Schwanz, wie ihn Felix bei Onkel Tilli gesehen hatte.
"Es gibt sie also wirklich", flüsterte Georg. "Aber er­zähl weiter."
Felix erzählte auch den Rest von den Gesprächen der Hexen, die er erlauscht hatte und wie Onkel Tilli im­mer mehr zu einem Bären wurde. "Das Schlimmste ist", endete Felix, "am Anfang hat er es ja noch ge­merkt, dass er sich verändert und hat versucht, seine Ohren unter einer Bommelmütze zu verstecken. Aber jetzt ..." Felix riss hilflos die Arme in die Luft.
"Er merkt also nicht, dass er ein Bär wird?" fragte Georg.
"Nein, wie soll ich ihm nur helfen?" Felix weinte. "Und die Hexen geben ihm immer weiter Gift, und er will es auch noch immer essen."
"Bärentreu!" sagte Georg. "Sie müssen ihm Bärentreu geben.
"Und mich wollen sie in Stücke reißen und fressen!" stieß Felix unter Schluchzen hervor.
"Vielleicht finden wir ein Gegenmittel", sagte Georg und begann, Bücher aus seinen Regalen zu ziehen in denen er wild herumblätterte.
Felix knurrte der Magen so laut, dass es auch Georg hörte. "Geh uns beim Bäcker etwas zu essen holen", sagte er. "Zum Kochen haben wir jetzt keine Zeit. Wenn Onkel Tilli erst ganz ein richtiger Bär ist, kann ihn keiner mehr zurück verwandeln."
Felix bekam Geld und lief zu dem Bäcker zwei Stra­ßen weiter.
Als er mit vollen Tüten zurückkam, war in Georgs Zimmer der Fußboden schon ganz mit Büchern be­deckt.
Georg war so beschäftigt, dass er gar nicht zum Essen kam. Er blätterte abwechselnd in den Büchern und machte sich Notizen.
Felix aß den Kuchen und sah Georg zu.
"Hier haben wir es", rief Georg. "Hexenknall, auch Hybrochondrus Aluentus Bums, schmackhafte Ge­würzkraut besonders für Kohlrouladen geeignet. Hat bei Menschen keine Nebenwirkungen. Ist jedoch in der Lage, Zaubermittel und Zaubersprüche teilweise aufzuheben. Im Altertum soll es als Gegenmittel von Bärentreu verwendet worden sein und so verhindert haben, dass ein Bäron zu einem Bären wurde."
"Hast du Hexenknall?" fragte Felix.
"Nein, aber warte, ich sehe nach, wo man es finden kann. Ah hier... Hexenknall wächst auf Friedhöfen. Um die Zauberkraft zu erhalten, muss er bei Nacht von einem Kind gepflückt werden."
"Ach herrje!" rief Felix. "Das Kind bin also ich. Und ich muss heute Nacht ganz allein auf den Friedhof und Hexenknall suchen?"
Georg zuckte die Achseln. "Wenn du deinem Onkel Tilli helfen willst?"
Natürlich wollte Felix das, aber der Friedhof war ihm am Tage schon unheimlich genug. In der Nacht und allein...
"Ach was, da ist doch nichts dabei, versuchte Georg ihm Mut zu machen. "In der Nacht ist es auf dem Friedhof wie in einem Wald bei Nacht."
"Ich habe aber auch Angst, nachts in den Wald zu ge­hen", jammerte Felix.
"Du hattest doch auch erst Angst vor mir, nach den ersten Schritten wird es schon gehen."
Natürlich, es musste ja gehen, Felix konnte ja Onkel Tilli nicht im Stich lassen.
Georg zeigte ihm in einem Buch, wie Hexenknall aus­sah, und Felix sah es sich ganz genau an, damit er es auch wiedererkannte.
"So, jetzt geh nach Hause und schlaf dich aus, damit du heute Nacht fit für die Suche bist", sagte Georg.
"Ich soll nach Hause gehen?" Felix war entsetzt. "Ich dachte, ich kann bei dir bleiben. Ich dachte, du hilfst mir. Zu Hause warten doch die Hexen auf mich und reißen mich in Stücke."
"Die reißen dich erst in Stücke, wenn sie das Fell von Onkel Tilli haben, du weißt ja, das hat Zauberkraft und darauf haben es die verdammten Hexen abgese­hen", erklärte Georg. "Außerdem musst du nach Hause, damit die Hexen keinen Verdacht schöpfen. Wer weiß, was sie sich ausdenken, wenn sie merken, dass wir ihnen auf die Schliche gekommen sind. Wenn sie mit Onkel Tilli davonfliegen, können wir ihm nicht mehr helfen."
Felix sah Georg weinerlich an. "Ja, Onkel Tilli, und wenn der inzwischen ein richtiger Bär ist , und mich frisst?"
"Keine Angst, Felix, auch wenn Onkel Tilli immer mehr wie ein Bär aussieht, sein Herz wird er behalten Er wird nicht wirklich ein wildes Tier, innen bleibt er so, wie er ist."
Felix sah ein, dass Georg recht hatte und machte sich schweren Herzens auf den Weg.
"Du weißt ja, Tote beißen nicht!" rief ihm Georg noch aus dem Fenster aufmunternd hinterher und zeigte mit der Hand, dass er ihm die Daumen drückte.
"Tote beißen nicht", rief Felix kleinlaut zurück, "und vielen Dank für die Hilfe!"

14. Kapitel

Tapfer lief Felix durch die Stadt. Er hatte sich ganz genau den Weg gemerkt, und so kam er wieder zum Friedhof. Auf dem Weg sah er sich aufmerksam um, aber er sah nirgends Hexenknallkraut. Vielleicht kann man es tagsüber gar nicht sehen, überlegte Felix, und muss es deshalb in der Nacht pflücken.
Mit jedem Schritt, den er den Berg zu Onkel Tillis Haus hinauflief, wurde sein Herz schwerer. Am Gar­tentor sah er sich vorsichtig um, ob irgendwo die Hex­en zu sehen waren. Dann rannte er schnell den Gar­tenweg entlang, die Treppe zum Eingang hoch und sprang in die Wohnung. Sein Herz klopfte wie wild.
Felix stand im Flur und musste erst einen Moment ver­schnaufen. Onkel Tilli war nicht in der Küche. Felix ging in das Wohnzimmer. Beinahe hätte Felix losge­brüllt.
Was da auf dem Sofa lag, sah wirklich kaum noch nach Onkel Tilli aus.
Er ist schon fast ein Bär, dachte Felix. Hoffentlich kann ich dieses Hexenknall heute Nacht finden.
Auf dem Tisch stand eine leere Essensschüssel.
Er wird doch nicht schon wieder... fuhr es Felix durch den Sinn.
"Onkel Tilli, hast du etwa was von den Hexen geges­sen?" rief Felix entsetzt.
"Ääääähummm", brummte Onkel Tilli ärgerlich und streckte seine Bärenschnauze in die Sofaritze, um weiter zu schlafen.
Es hat keinen Zweck, dachte Felix, soll er doch schla­fen. So lange er schläft, kann er wenigstens kein Bä­rentreu fressen. Außerdem traute sich Felix nicht, ei­nen Onkel Tillibären beim Wecken zu verärgern.
Felix nahm den Wecker mit und ging in sein Zimmer. Das Zimmer war sowieso dunkel, da es ja kein Fen­ster hatte, da würde er gut schlafen können, dachte sich Felix und stellte den Wecker.
Er stellte den Wecker auf 1°° Uhr. Wie man weiß, geht die Geisterstunde von 24°° bis 1°° Uhr, Felix wollte natürlich auf keinen Fall zu dieser Zeit auf dem Friedhof herumsuchen müssen.
Natürlich war Felix viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Aber schließlich gelang es ihm doch.
Er träumte, wie Onkel Tilli als zähnefletschender Bär in sein Zimmer kam und ihn auffraß. Nein, ganz so weit kam er mit seinem Traum zum Glück nicht. Ge­rade, als Onkel Tilli zubeißen wollte, klingelte der Wecker und Felix wachte schweißnass auf.
Er war ganz verdreht, um so eine Zeit schlief er ja auch sonst immer.
Felix zog sich an, nahm seine Taschenlampe und schlich aus der Wohnung.
Aus dem Wohnzimmer kam ein ohrenbetäubendes Schnarchen.
Vorsichtig späte Felix aus der Wohnungstür. Alles war ruhig, keine Hexen zu sehen.
Ganz langsam machte er die Haustür auf. Draußen war auch nichts verdächtiges zu sehen. Der Mond schien hell, und sein silbernes Licht zeigte den Garten in einem blauen Schimmer.
Also los, dachte Felix und marschierte durch die Nacht.
Der Friedhof lag still und dunkel vor ihm. Nur in den hohen Bäumen rauschte leise der Wind. Das Fried­hofstor war verschlossen. Felix zwängte sich durch die engen Gitterstäbe und passte geradeso dazwischen hindurch. Gerade als er sich hindurch gequetscht hatte, sah er es.
Es sah furchtbar aus! Es lehnte im Schatten einer rie­s­igen Tanne und kam auf ihn zu. Es breitete seine großen schwarzen Schwingen aus und gleich würde es ihn davon zerren.
Ein Gespenst, es hat nur auf mich gewartet, dachte Fe­lix. Und mit: "Ääääh!" sprang er zurück und ver­suchte sich wieder durch das Gitter zu zwängen.
In der Eile hatte er die falschen Stäbe erwischt, sie waren gerade so viel zu eng, dass   der Kopf nicht durchpasste.
Felix zerrte und dachte ihm würden die Ohren abrei­ßen, aber er bekam ihn nicht hindurch.
"He, Felix, wo willst du denn hin?" fragte die Stimme von Georg.
Felix machte seine Taschenlampe an und leuchtete auf das Gespenst. Vor ihm stand Georg in einem Som­mermantel, er hatte zur Begrüßung die Arme gehoben.
"Hast du mir einen Schreck eingejagt!" beklagte sich Felix.
"Oh, das wollte ich nicht, ganz im Gegenteil, ich dachte, ich begleite dich bei deiner Suche, damit du dich nicht so fürchtest.
"Das ist lieb von dir", sagte Felix, der wieder in den Friedhof kletterte. "Ich stecke fest", rief er ängstlich, und richtig, der Körper war zwar wieder im Friedhof, aber Felix hatte vor Angst so gezerrt, dass jetzt der Kopf festsaß.
Georg versuchte ihm zu helfen.
"Au, au", jammerte Felix, der schon feuerrote Ohren hatte.
"Hinter dir ist ein Gespenst", rief Georg.
"Aaah!" schrie Felix, der sich ja nicht umdrehen konnte. Im Nu hatte er den Kopf aus dem Zaun ge­zerrt. "Wo ist es, wo?"
"Ich hab dich angeschmiert", lachte Georg. Ich wollte nur, dass du den Kopf raus bekommst. Gespenster gibt es doch nicht."
"Ja, genau so wenig, wie Hexen, was?" Felix war sauer. "Wo sollen wir mit der Suche anfangen?" fragte er.
"Ich weiß nicht, es kann überall sein", meinte Georg. "Am besten wir suchen gleich hier und dann nach und nach den ganzen Friedhof ab, da finden wir das He­xenknallkraut auf alle Fälle."
"Gut", sagte Felix und begann mit der Taschenlampe den Wegrand abzuleuchten.
Wenn es überhaupt in diesem Friedhof wächst, dachte Georg besorgt, aber das sagte er Felix nicht.
Sie suchten.
Sie suchten an den Wegrändern.
Sie suchten auf und zwischen den Gräbern.
Sie suchten auf den Wiesenstreifen.
Felix kroch sogar in die Gebüsche und suchte dort. Sie hatten wirklich schon den ganzen Friedhof abgesucht.
Den beiden taten die Füße weh.
"Vielleicht gibt es das Kraut gar nicht", sagte Felix verzweifelt. "Vielleicht hat sich das nur einer ausge­dacht und in das Buch gezeichnet."
"Doch, Hexenknall gibt es, ich habe es schon oft sel­ber gefunden. Es schmeckt ausgezeichnet an Kohlrouladen", versicherte Georg.
Nach einem Stück wollten die zwei Freunde dann wirk­lich die Suche aufgeben, sie konnten einfach nicht mehr.
"Es wird schon bald wieder hell", sagte Georg, "dann hat es sowieso keinen Zweck mehr."
Felix war so müde, er hätte im Stehen einschlafen können. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe viel auf einen Grabstein. "Schlotterbein" las Felix. Das ist aber ein eigenartiger Name, dachte er. Da sah er es.
Neben dem Grabstein von Herrn Schlotterbein stand eine kleine Pflanze.
"Ich hab es!" rief Felix und pflückte das Hexenknall­kraut schnell ab.
"Genau, so sieht es aus, ein bisschen wie Petersilie", bestätigte Georg. "Du musst es ins Wasser stellen, da­mit es schön frisch bleibt, und dann tust du es deinem Onkel Tilli gleich morgen in das Essen."
"Ja, aber giftig ist es doch nicht?"
"Nein, für Menschen und Bärons nicht", versicherte Georg.
Die zwei verabschiedeten sich. Obwohl Felix so müde war, sprang und hüpfte er nach Hause. Nur kurz vor Onkel Tillis Haus schlich er leise, damit ihn die Hexen nicht hörten.
Das Kraut hatte er unter seiner Jacke versteckt, sicher ist sicher, dachte Felix. Er stellte es in ein Glas mit Wasser neben seine Liege, legte sich hin und schlief sofort ein.

15. Kapitel

Als er aufwachte, erschrak er. Auf dem Wecker neben ihm war es schon 12°° Uhr, so lange hatte er noch nie geschlafen.
Herrjeh, hoffentlich hatte Onkel Tilli nicht zum Mittag schon wieder Hexenfraß gegessen. Dann war es be­stimmt für jede Hilfe zu spät.
Felix sprang aus dem Bett und lief mit dem Hexen­knallkraut in die Küche.
Der Bär, der Onkel Tilli war, stand vor dem Herd und kochte Kohlrouladen.
"Brumm, brumm!" machte Onkel Tilli.
Er kann schon nicht mehr sprechen, dachte Felix. Er nahm sich zusammen, jetzt kam es darauf an, sich nichts anmerken zu lassen. "Oh, ja, auch einen schö­nen guten Morgen", sagte Felix.
"Brumm, brumm, brumm", sagte Onkel Tilli.
Felix kannte Onkel Tilli gut genug, dass er wusste, was er sagten wollte. "Ja, Onkel Tilli, schön, dass es gleich Essen gibt. Ich decke gleich den Tisch."
Onkel Tilli steckte seine lange Bärenschnauze über den Topf und sog genüsslich den Duft durch seine großen Nasenlöcher ein.
"Ich habe dir ganz besonders leckere Petersilie mitge­bracht"; erklärte Felix. "Ein Hochgenus an Kohlrouladen.
"Brumm", sagte Onkel Tilli.
Felix hielt ihm das Hexenknallkraut hin, damit er es in das Essen tun konnte.
"Brumm", sagte Onkel Tilli noch einmal und als Felix die Kräuter immer noch hin hielt, nahm er sie und warf sie in den Mülleimer.
Felix stand wie versteinert da. Diesmal hatte er Onkel Tilli missverstanden. Felix tat so, als ob er aus dem Fenster schauen würde. "Da unten liegt ja eine ganz große Tüte Honigbonbons", sagte er. "Die ist sicher Frau Franke aus dem Einkaufskorb gerutscht."
"Brumm, brumm, brumm, brumm, brumm", machte der Bär, schubste Felix zur Seite und stapfte eilig aus der Kü­che.
Schnell sprang Felix zum Mülleimer und holte das Hexenknallkraut heraus. Er riss es in kleine Stücke und warf sie in die Soße. Geschafft, dachte Felix erleich­tert.
In der Tür erschien ein böse brummender und sehr verärgerter Bär.
"Schnell, ich glaube die Kohlrouladen müssen gedreht werden, sonst brennen sie an", rief Felix.
Der Bär trottete eilig an den Herd und Felix sah zu, dass er aus der Küche kam. Da klingelte es.
Felix sprang zur Tür und machte auf. E wäre nicht gut, wenn eine Bär die Tür öffnet, dachte er sich.... Es wäre doch gut.. Felix war starr vor Schreck. Vor der Tür standen die drei Hexen. Sie waren bester Laune und hatten wieder Salat und Bärentreu bei sich.
"Hallo Felix", sagte Sina und grinste.
"Willst du uns nicht hereinlassen?" fragte die Alte. "Dein Onkel freut sich sicher über unseren Besuch."
"Wir haben ihm auch etwas feines mitgebracht", tril­lerte die Frau mit dem Dutt, und schüttelte das Bären­treu.
"Onkel Tilli ist nicht zu Hause", schwindelte Felix und wollte schnell wieder die Tür zu machen.
"Lüge nicht so frech", schrie die Alte. Sie hatte sofort den Fuß in die Tür gestellt und nun ging sie nicht mehr zu.
"Brumm, brumm", sagte Onkel Tilli. Sein Bärenkopf ragte aus der Kühe heraus, und er winkte den drei He­xen zu.
"Siehst du, dein Onkel freut sich über unseren Be­such", rief die Frau mit dem Dutt.
Die drei Hexen schubsten Felix zur Seite und mar­schierten in die Küche.
Felix wollte schnell in ein Zimmer laufen und sich dort einschließen.
"Na, da wollen wir doch einmal schön hier bleiben", rief Sina und schnappte Felix am Ohr. Felix schrie, aber Sina ließ nicht los.
"Darf ich, bitte darf ich?" fragte Sina aufgeregt und wedelte mit einem kleinen Stöckchen über Felix Kopf herum.
"Nein noch nicht, erst wenn wir das Mäntelchen vom Fettwanst haben", befahl die Alte.
Enttäuscht ließ Sina Felix los und gab ihm eine Kopfnuss, dass er vor Schmerz aufheulte. "Nachher bist du dran, Holzkopf", sagte sie.
Felix überlegte, ob er noch einmal versuchen sollte, davon zu rennen. Nein, es war besser, die Hexen nicht zu reizen, sonst würden sie ihn vielleicht doch gleich in eine Kröte verwandeln.
Felix blieb tapfer stehen, sein Herz schlug ihm bis zum Hals, und die Tränen rannen ihm über die Wan­gen.
In der Küche machten sich die Hexen inzwischen an Onkel Tillis Töpfen zu schaffen.
"Ah, heute gibt es Kohlrouladen", bemerkte die Alte.
"Brumm, brumm, brummelbrumm", sagte Onkel Tilli.
"Das ist aber wirklich sehr nett, dass sie uns zum Es­sen einladen wollen Herr Schöller", freute sich die Alte.
"Wir haben auch eine schöne Nachspeise mitge­bracht", sagte die Frau mit dem Dutt und hielt den Sa­lat und das Bärentreu in die Luft.
"Eine, die es in sich hat", kicherte Sina.
"Brumm", machte Onkel Tilli wieder und leckte sich mit seiner langen Bärenzunge die Schnauze.
Die Alte ging zu den Schüsseln und machte den Salat zurecht. Die anderen beiden liefen ins Wohnzimmer und setzten sich an den Tisch. "Komm, Felix, du darfst neben mir sitzen", rief Sina.
Mit schlotternden Knien setzte sich Felix neben Sina.
Onkel Tilli begann, geschäftig Schüsseln und Teller herein zu schleppen. Der Tisch war gedeckt, und er setzte sich vergnügt vor sich hinbrummelnd auf seinen Platz. Die Alte brachte den Salat herein und setzte sich auf die andere Seite neben Felix.
Felix hatte sich noch nie in seinem Leben so elend ge­fühlt.
Alle beluden ihre Teller. Onkel Tilli aß schmatzend mit seinen dicken Tatzen und leckte die Soße mit sei­ner langen Zunge gleich vom Teller.
Die drei Hexen stopften das Essen in sich hinein. On­kel Tilli fraß so schnell, dass sie Angst hatten, nicht ge­nug ab zu bekommen.
Nur Felix hatte keinen Hunger. Er saß ganz still vor seinem leeren Teller und wischte sich ab und zu die Soße aus dem Gesicht, die von Onkel Tilli herüber­spritzte.
"Rüüüülps", machte Sina. Sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund und bekam einen roten Kopf. Die alte Hexe sah sie streng an.
"Puuuups!" machte die Hexe mit dem Dutt und war selber so erschrocken, dass sie Messer und Gabel fal­len ließ.
Empört machte die Alte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber es kam nur ein langes: "Rüüüülps!" her­aus.
"Puhuhups!" machte Sina neben Felix, und "Üüüülps!" rülpste die Hexe mit dem Dutt.
Die Hexen sahen einander entsetzt an.
"Mir ist so Rühülps! komisch im Bauch", jammerte Sina und ließ noch einen langen Pups.
"Ich muss schnell nach oben", rief die Alte und rannte pupsend aus der Wohnung. Die anderen zwei Hexen rannten hinterher.
In der Tür drehte sich Sina um und wollte Felix etwas zurufen, aber es kam nur ein langes "Rüüülps!" her­aus. Dann hörte man noch Sina die Treppe hinaufren­nen.
"Was haben die denn?" fragte Onkel Tilli. "So gut ha­ben meine Kohlrouladen noch nie geschmeckt und die rennen davon."
"Du kannst ja wieder reden!" rief Felix glücklich.
"Soll ich etwa auch so rülpsen wie Frankes?" fragte Onkel Tilli streng. "Das macht man nicht am Tisch."
"Felix sah Onkel Tilli genauer an. Ja, die Schnauze war schon kleiner geworden und auch die Haare wur­den langsam weniger.
"Was ist denn los, Felix?" fuhr ihn Onkel Tilli an. "Warum starrst du mich so an? Iß lieber etwas, sonst esse ich alles alleine auf."
"Ich glaube, davon kannst du gar nicht genug essen", erklärte Felix.
"Da hast du recht", meinte Onkel Tilli und nahm sich ordentlich nach. Frankes oben konnte man immer noch rülpsen und pupsen hören.
Onkel Tilli sah einen Moment grübelnd an die Decke. "Vielleicht haben die was mit dem Magen", überlegte er, dann nahm er sich noch eine Kohlroulade.
Felix war glücklich. Onkel Tilli sah inzwischen schon wieder fast so aus, wie früher. Jetzt würde alles gut werden.
"Bums!" machte es, dass die Wände zitterten.
"Ihhh!" hörte man Sinas Stimme.
"Kabums!" und "Rums!" dann war es ganz ruhig. Von oben war kein Laut mehr zu hören.
"Die zerhacken wohl ihre ganze Wohnung?" meinte Onkel Tilli und nahm sich die letzte Kohlroulade. "Springen von meinen leckeren Kohlrouladen auf, um hoch zu rennen und die Möbel zu zerhacken." Onkel Tilli schüttelte den Kopf.
"Du siehst wieder aus wie früher!" rief Felix und viel Onkel Tilli um den Hals. "Jetzt können die Hexen uns bestimmt nichts mehr anhaben."
"Na, na, las mich erst einmal aufessen, bevor du mit deinen Märchengeschichten kommst", murrte Onkel Tilli. "Du kannst uns ja schon einmal den leckeren Sa­lat auftun. Den haben Frankes zum Glück vergessen, als sie so plötzlich wieder weggerannt sind."
Felix erschrak. Der giftige Salat, den durfte Onkel Tilli auf keinen Fall essen, sonst fing alles wieder von vorne an. Er hatte ja schon einmal versucht, es Onkel Tilli zu erklären, er würde ihm nie glauben, dass er von dem Salat ein Bär wird. Felix ging zur Schüssel und "hops", ließ er sie auf den Fußboden krachen.
Onkel Tilli fuhr entsetzt herum. "Mein schöner Salat", jammerte er.
"Tut mir wirklich leid", stammelte Felix.
"Na, kann ja passieren", meinte Onkel Tilli. "Weißt du, ich hab eigentlich sowieso mehr  Appetit auf Eis zum Nachtisch. Was meinst du, wollen wir beide nicht in eine Eisdiele gehen?"
"Au, ja", rief Felix und lief in die Küche eine Kehr­schaufel für den Salat zu holen. Felix war richtig stolz auf sich, jetzt hatte er seinen Onkel Tilli gerettet, nur schade, dass ich es ihm nicht sagen kann, dachte er.
Onkel Tilli strich sich über den Bauch und zog eine Jacke an. "Ach, nach dem Essen fühle ich mich wie neu geboren", rief Onkel Tilli. "Ich hatte auch wirk­lich einen Bärenhunger."
"Du hattest Hunger wie ein Bär", lachte Felix ver­gnügt, nahm Onkel Tilli bei der Hand und die zwei marschierten in den sonnigen Garten.

16. Kapitel

Auf dem Friedhof trafen sie Georg, der gerade einen Kiesweg harkte.
"Du bist also der nette Totengräber, von dem mit Fe­lix erzählt hat?" sagte Onkel Tilli freundlich.
"Der bin ich," Georg grinste wie ein Napfkuchen. Er machte Felix heimlich das Ohrzeichen.
"Vielleicht hast du Lust, uns einmal zu besuchen?" fragte Onkel Tilli.
"Ja, gerne", freute sich Georg.
"Also heute Abend zum Abendessen". sagte Onkel Tilli und verabschiedete sich mit erhobener Hand, an der noch ein ganz kleiner Rest Bärenfell zu sehen war.
Felix verdrückte eine riesen Portion Erdbeereis mit Sahne.
"Schmeckt dir besser, als meine Kohlrouladen, was?" lachte Onkel Tilli.
Danach gingen sie für den Abend einkaufen und Felix musste nicht einmal die vollen Taschen tragen.
Am Abend kam Georg. Er hatte seinen besten schwarzen Anzug an. "Ich habe auch was mitge­bracht". erklärte er und stellte drei Flaschen Schwarz­bier auf den Tisch.
"Das ist aber noch nichts für Felix", meinte Onkel Tilli.
"Nein, nein, die sind für uns, für Felix habe ich das hier und Georg legte etwas in Geschenkpapier gewickeltes auf den Tisch.
Felix packte es schnell aus. Es war das vierte Bein von dem dreibeinigen Fuchs.
"Oh, danke !" rief Felix und fiel Georg um den Hals. Eigentlich fand Felix das Geschenk schrecklich, aber er  wusste, dass ihm Georg da seinen kostbarsten Be­sitzt schenkte.
"Wird es dir nicht einmal leid tun?" fragte Felix be­sorgt.
"Nein, nein, ich habe noch mehr davon..., äh, ich meine noch andere wertvolle Dinge."
"Onkel Tilli war, nachdem er das Fuchsbein bewundert hatte, in der Küche verschwunden um nach dem Essen zu sehen.
"Das hat ja wirklich prima geklappt", flüsterte Georg.
"Ja, wäre aber auch beinahe schief gegangen", flü­sterte Felix zurück. "Stell dir vor, gerade als das Es­sen mit dem Hexenknallkraut fertig war, kamen die drei Hexen. Sie haben sogar mit uns gegessen, und Sina hätte mich beinahe in eine Kröte verwandelt."
"Was?" rief Georg laut.
"Das Essen ist gleich fertig", rief Onkel Tilli aus der Küche, der aber nicht verstand, um was es ging.
"Was, die Hexen haben von dem Hexenknallkraut gegessen?" flüsterte Georg weiter.
"Ja, dann haben sie gerülpst und gepupst und sind da­vongerannt. Und Onkel Tilli ist wieder..."
"Sind sie nicht geplatzt?" wollte Georg wissen.
"Wieso geplatzt?" wunderte sich Felix.
"Was meinst du, warum das Kraut Hexenknallkraut heißt?" Georg war sehr aufgeregt. "Weil sich Hexen mit einem Knall in Luft auflösen, wenn sie davon es­sen."
Felix saß da mit offenem Mund.
"Jetzt geht es los", rief Onkel Tilli und kam mit einem großen Tablett mit belegten Broten ins Zimmer gelau­fen.
"Geknallt hat es wirklich", sagte Felix.
"Ja, gestern", rief Onkel Tilli. "Die haben wohl doch ihre Möbel zerhackt. Na kann mir egal sein, bei mir ist es auch nicht immer so leise."
Georg und Felix sahen sich sprachlos an.
"Geplatzt", sagte Georg.
"Aber ich kann nichts dafür! Ich konnte es doch nicht wissen", jammerte Felix.
"Na was hast du wieder ausgefressen?" Onkel Tilli hatte prima Laune, wie immer vor dem Essen. "Was auch immer geplatzt ist, jetzt kommt erst einmal Es­sen", befahl er. Und die drei Freunde ließen es sich schmecken.
Nach dem Essen spielten sie zusammen schwarzer Peter. Wer verlor, bekam einen schwarzen Punkt auf­gemalt.
Schon bald hatte jeder das Gesicht voller schwarzer Punkte. Onkel Tilli sah damit besonders komisch aus.
Dann wurde es Zeit zum Schlafen gehen und Felix fiel glücklich auf seine Liege. War das ein Tag, dachte er und war eingeschlafen. Er hörte nicht einmal mehr, dass Onkel Tilli und Georg noch schwarzer Peter spielten. Sie tranken Georgs Schwarzbier zusammen und lachten, dass die Wände wackelten.

17. Kapitel

Am nächsten Morgen ging Felix vergnügt Brötchen holen. Onkel Tilli deckte wie gewöhnlich solange den Frühstückstisch und probierte, ob der Honig auch nicht über Nacht schlecht geworden war.
Die Bäckerin kannte Felix inzwischen, und er bekam von ihr einen Pfannkuchen geschenkt.
Als Felix durch den kleinen Wald zurück lief, konnte er es natürlich nicht unterlassen, noch einmal bei der Galgeneiche vorbeizusehen. Jetzt konnte ihm ja nichts mehr zustoßen, dachte sich Felix.
Aber unter der Galgeneiche ging jemand hin und her. Diesmal war Felix so fröhlich den Weg entlang ge­hüpft, dass er sich nicht mehr rechtzeitig verstecken konnte.
"Ah, sie einmal an, der Felix", krächzte die vierte Hexe. "
Sicher wartete sie hier auf ihre Freundinnen. Und er war daran schuld, dass die Hexen zerknallt waren. Wegrennen kann ich nicht, dachte Felix, dann schöpft sie sicher Verdacht, dass ich es war.
Er stand tapfer da und presste die Lippen aufeinander.
"Hast du vielleicht zufällig meine Freundinnen gese­hen?" fragte die Hexe. "Du weißt doch, die Frankes, die über euch wohnen."
"Nunein", stotterte Felix. Jetzt stottere ich auch noch vor Angst, sie merkt es bestimmt gleich, und dann werde ich doch noch eine Kröte, dachte Felix.
"Merkwürdig?" grübelte die Hexe und zupfte an ei­nem Haar, das an ihrem Kinn wuchs. "Was willst du hier überhaupt?" keifte die Hexe plötzlich.
"Niii..", nichts wollte Felix stottern, doch die Hexe schrie schon: "Verschwinde, du hast hier nichts zu su­chen!"
 Das ließ sich Felix nicht zweimal sagen. Er rannte so schnell er konnte nach Hause. Zu der verteufelten Galgeneiche gehe ich nie wieder, nahm sich Felix fest vor.
Onkel Tilli wartete schon ungeduldig auf Felix und die zwei frühstückten schön gemeinsam.
Felix erzählte, dass ihm die Bäckerin einen Pfannku­chen geschenkt hatte.
"Morgen gehen wir zusammen Brötchen holen", sagte Onkel Tilli ernst und Felix kicherte.

18. Kapitel

Nach dem Frühstück wollten es sich die zwei wieder auf den Sofas bequem machen und eine Geschichte von Brumm Brumm, dem Bären lesen. Gerade als sich Onkel Tilli hinlegen wollte, klingelte es an der Tür.
Onkel Tilli ging die Tür aufmachen und Felix ging mit, um zu sehen, wer da wohl kam.
"Wachtmeister Schlendrian", sagte ein Polizist, als sie die Tür aufmachten. "Wir sind hier, da diese Frau", der Polizist zeigte auf die vierte Hexe, "Frankes als vermisst gemeldet hat. Wir haben eben gemeinsam die Franksche Wohnung durchsucht, von den drei Frauen fehlt jede Spur", erklärte der Polizist weiter. "Wann haben sie Familie Franke zum letzten Mal gesehen Herr..?"
"Schöller", sagte Onkel Tilli. "Das war gestern Mit­tag. Wir haben zusammen gegessen. Die netten Da­men hatten Salat mitgebracht, sie haben sehr leckeren Salat, so mit.."
"Ja, ja", sagte der Polizist barsch. "Und was machten sie dann?"
"Während des Essens sprangen Frankes auf und liefen aus der Wohnung", erzählte Onkel Tilli.
"Wo liefen sie hin?" fragte der Polizist.
"In ihre Wohnung", erklärte Onkel Tilli.
"Da sind sie aber nicht", stellte der Polizist fest.
"Vielleicht sind sie weggegangen?" überlegte Onkel Tilli.
"Vielleicht sind sie gar nicht aus der Wohnung ge­rannt, sondern sind noch hier?" der Polizist zog die Augenbrauen hoch und machte ein wichtiges Gesicht. "Vielleicht sitzen sie gerade jetzt gefesselt und gekne­belt in diesem Wandschrank dort?"
"Sie können ja reinkommen und alles durchsuchen", brummte Onkel Tilli.
"Das werde ich auch tun!" Der Polizist begann, die Wohnung zu durchsuchen, und die Hexe lief immer hinter ihm her und passte auf, dass er auch in Vasen und im Bücherregal nachsah. Bei ihrer Suche waren sie inzwischen in der Küche angelangt.
Felix konnte es nicht länger ertragen. Er ging zu dem Polizisten und erzählte ihm schluchzend die ganze Ge­schichte.
"Es ist alles meine Schuld", jammerte Felix. Ich habe doch das...Nein, nicht!" schrie Felix, doch es war zu spät. Die gefräßige Hexe hatte auf dem Küchentisch den Test von der Kohlrouladensoße entdeckt und den ganzen Topf leergegessen. Erschrocken sah sie Felix mit ihren großen blutunterlaufenen Augen an.
"Da ist doch das Hexenknall drin. Und das war doch für Onkel Tilli, der ein Bär war. Und als die Hexen das gegessen haben, sind sie geplatzt."
"Ja, ja, mein Kleiner, du erzählst mir schöne Hexen­geschichten", lachte der Polizist.
Die Hexe lachte nicht, die ließ einen Pups und dann noch einen. Sie rannte aus der Wohnung und der Poli­zist hinterher. Polizisten rennen immer hinterher.
Onkel Tilli wollte auch hinterher rennen, aber dann ging er lieber nachsehen, ob die Hexe wirklich die ganze Soße gegessen hatte. Felix war gerade zur Tür heraus, als die Hexe das Gartentor erreichte. Sie sah viel dicker aus, fand Felix.
"Bums!" machte es und es flogen nur noch ein paar leere Hexenkleider durch die Luft.
Erschrocken blieb der Polizist stehen. Er hatte seine Pistole gezogen und fuchtelte damit wild um sich. Vorsichtig ging er zu den Kleidern und untersuchte sie. Es waren einfach nur leere Kleider.
Mit kreidebleichem Gesicht und hochstehenden Haa­ren kam der Polizist zurück in die Küche.
"Das ist konfisziert!" schrie er und zerrte Onkel Tilli den Topf vom Gesicht, der ihn gerade ausgeschleckt hatte. "Das haben sie sich klug ausgedacht", schrie er mit feuerrotem Kopf. "Erst mit dem vergifteten Essen vier Frauen in die Luft jagen und dann schnell die Beweise selber ausschlecken!"
Onkel Tilli wusste gar nicht, wie ihm geschah.
"Aber meine Kollegen vom Labor kommen ihnen trotzdem auf die Schliche ! Und sie sind verhaftet!" der Polizist war ganz außer sich vor Aufregung.
Felix und Onkel Tilli mussten in das Polizeiauto stei­gen. Der Polizist nahm den Topf und die Kleider von der Hexe mit und dann fuhren sie zum Polizeipräsidi­um.

19. Kapitel

Der Topf wurde sofort in das Labor gebracht und Onkel Tilli und Felix wurden getrennt verhört.
Felix war bei einer netten Polizistin. Alles, was Felix sagte, wurde auf Band aufgenommen. Felix erzählte die ganze Geschichte von Anfang an.
"Komme ich jetzt in das Gefängnis, weil ich vier He­xen zerknallt habe?" fragte Felix ängstlich, doch bevor die Polizistin antworten konnte, erklärte er noch: "aber eigentlich wollten sie mich ja in eine Kröte ver­wandeln und auffressen, da ist es doch Notwehr. Und Onkel Tilli musste ich doch auch helfen."
Die Polizistin lachte. "Du hast dir da eine tolle Ge­schichte ausgedacht. Eigentlich müsste ich dir böse sein, denn so was darf man bei der Polizei nicht erzäh­len. Da gilt es nur, die Wahrheit zu sagen. Weißt du, ich werde das Tonband meinen Kindern vorspielen, die mögen solche spannenden Geschichten von He­xen."
Keiner glaubt mir, dachte Felix. Na, Hauptsache ich muss nicht ins Gefängnis.
Der Topf aus dem Labor kam zurück.
Sehr köstliche Kohlrouladensoße, war das Ergebnis der Untersuchung.
Felix und Onkel Tilli durften nach Hause gehen.
"Haben nichts mit dem Verschwinden der vier Frauen zu tun", schrieb der Polizeichef in die Untersu­chungsakte.
Der Wachtmeister Schlendrian musste inzwischen zu einem Psychiater gehen. Der Polizeichef wollte keine Polizisten, die sahen, wie vor ihren Augen Frauen zer­knallten und sich in Luft auflösten.
"Schade, dass die netten Frankes verschwunden sind", fand Onkel Tilli auf dem Heimweg. "Der Salat von ihnen war wirklich sehr lecker."
Felix sagte lieber nichts mehr.
Da kamen sie an der Eisdiele vorbei. In der Eisdiele saß Georg, der hier seine Mittagspause machte.
"Kommt rein", rief er, "ich gebe eine Runde Eis aus."
Die drei Freunde feierten zusammen das gute Ende eines gefährlichen Abenteuers, von dem Onkel Tilli nur wusste, dass die vierte Hexe den Topf mit dem Rest Soße ausgegessen hatte und er von Frankes keinen Sa­lat mehr bekam.
Felix hatte noch zwei Wochen herrliche Ferien mit seinem Onkel Tilli und Georg, der oft zu Besuch kam.
Die Geschichte von Onkel Tillis Geheimnis erzählte Felix niemandem, damit nicht wieder jemand auf die Idee kam, ihm Bärentreu in das Essen zu mischen. Nur manchmal hatte er das Gefühl, dass seine Eltern wussten, was mit Onkel Tilli los war. Und wenn sie es auch nicht sagten, grinsten sich die drei verschwö-rerisch an, wenn sie von Onkel Tilli erzählten.
Das Geschenk von Georg hing über Felix' Bett und er­innerte ihn immer an das Abenteuer um das Geheim­nis von Onkel Tilli, und wie Georg ihm geholfen hatte.

Ende

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